Schatz des Monats: Der Kea, Neuseelands neugieriger Alpenpapagei

© LIB, Steinkröger

 

Wer rechnet mit Papageien in Schnee und Eis? Papageien sind normalerweise im tropischen Tiefland zu finden. In Neuseeland jedoch lebt die weltweit einzige Gruppe Papageien, die in den Bergen beheimatet ist und sich an das Leben in eisigen Höhen angepasst hat: der Kea, ein neugieriger Vogel mit großem Sinn für Unsinn und einem scheinbar menschenähnlichen Blick auf die Dinge. Ein Exemplar dieses bemerkenswerten Vogels wird in der zoologischen Sammlung des Museums der Natur Hamburg bewahrt.

Dieses Sammlungsexemplar ist weder das erste seiner Art, das der Wissenschaft bekannt ist, noch hat es ein berühmter Mensch gesammelt. Dieser Kea ist einzigartig, weil er in Berlin zuhause war, weit weg von seiner Heimat Neuseeland. Es handelt sich also um einen Vogel, der nicht richtig in die Welt zu passen scheint, und zwar sowohl wegen seiner Herkunft als auch wegen seines notorisch „frechen“ Verhaltens.

Jonathan Meiburg ist der Autor von „A Most Remarkable Creature“, einem kürzlich erschienenen Buch, in dem eine andere Gruppe kurioser Aasfresser namens Caracaras vorgestellt wird. Karakaras gehören zur Familie der Falken, die die nächsten Verwandten der Papageien sind – und Keas haben viel mit ihnen gemeinsam. „Caracaras und Keas sehen die Welt ähnlich wie wir – als einen Ort mit faszinierenden Rätseln, versteckten Ressourcen und einem Wirrwarr aus Ursachen und Wirkungen – und sie fühlen sich stark von Dingen angezogen, die sie vorher noch nicht gesehen haben“, sagt Meiburg. Anders als die meisten Tiere, die man in Europa antrifft, suchen Keas und Karakaras die Interaktion mit Geräten, die wir Menschen konstruiert haben, und konzentrieren sich intensiv darauf, die ihnen gestellten Rätsel zu lösen. In der Natursendung „Tiere vor der Kamera“ werden Keas als „Neuseelands Spaßvögel“ bezeichnet. Wenn man diese Generalisten und Opportunisten Gelegenheit gibt, treten sie sogar als Raubtiere auf.

 

 

Die Interaktion zwischen Keas und Menschen ist für diese schlauen Tiere nicht immer gut verlaufen. Anfang des 20. Jahrhunderts befürchteten die neuseeländischen Farmer, dass die Keas ihre Schafe töteten. So begann eine lange Zeit der Verfolgung der Keas, in der etwa 150.000 Tiere getötet wurden. Seitdem leben die vom Aussterben bedrohten Keas hauptsächlich in den Hochwäldern der Südinsel Neuseelands. Wie ein Großteil der einheimischen Vogelwelt Neuseelands sind auch sie durch invasive Säugetierarten wie Hermeline gefährdet.

Der Kea hat ein gezacktes, dunkelgrünes Federkleid und im Kontrast dazu leuchtend orangefarbene Unterflügel sowie einen langen Schnabel. Keas sind Allesfresser und benutzen ihren Schnabel zum Graben, Reißen und Ziehen an Wurzeln und Steinen auf der Suche nach Nahrung. Wie die Karakaras gehört auch der Kea zu einem Stamm von Vögeln, die in den Überresten dessen leben, was vor Millionen von Jahren ein riesiger gemäßigter Regenwald war, der sich über die Antarktis bis nach Neuseeland, Australien und Kap Hoorn erstreckte. Meiburg sagt: „Wenn man sich ihr Gefieder ansieht, ihre charakteristische olivgrüne Farbe, dann sieht man die Farbe des antarktischen Waldes“.

 

 

Wie kommt es also, dass ein Alpenpapagei von der Südhalbkugel in Berlin lebt? Und dann auch noch in einem zoologischen Museum landet? Der Kea in Hamburg wurde dem Museum 1974 vom Berliner (Taggen) Zoo geschenkt. Eine Kolonie von Keas lebt noch immer im Zoo, und einige dieser Vögel könnten durchaus die Enkel des Hamburger Keas sein.

 

© LIB, Friedman

 

Viele Exemplare, die in den letzten Jahrzehnten von Museen erworben wurden, sind „Bergungsstücke“; sie stammen aus Situationen, in denen Vögel auf natürliche Weise oder durch einen Unfall, z. B. einen Zusammenstoß mit einem Fenster, ums Leben gekommen sind. Das Museum der Natur Hamburg erhält Fundstücke von Rehabilitationszentren für Wildtiere, von Naturzentren sowie von Privatpersonen, die einen toten Vogel gefunden haben.

Dr. Nicholas Friedman ist der Kurator für die ornithologische Sammlung im Museum der Natur Hamburg. „Vögel haben so viele Eigenschaften, die ihnen eine charismatische Ausstrahlung verleihen: Sie fliegen, sie singen und tanzen, und sie interagieren mit der Welt auf relativ intelligente Weise.“ Im Museum der Natur Hamburg nutzen Wissenschaftler wie Dr. Friedman moderne Techniken wie Genomik, Mikro-CT und Spektroskopie, um Arten aus verschiedenen Zweigen des Lebensbaums in ihrer Evolution zu vergleichen. „Es gibt so viel, was wir von ihnen lernen können, so viele Geschichten, die sie zu erzählen haben“, sagt er, „über die Evolution ihres Verhaltens, über ihre Geschichte und hoffentlich auch darüber, wie wir sie schützen können“.

Die Vogelsammlung des Naturmuseums umfasst über 70.000 Exemplare von Vögeln aus allen Kontinenten und etwa ein Viertel aller bekannten Vogelarten.

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