Md. Abdullah Al Mamun kam mit dem Traum nach Deutschland, in Bangladesch ein Naturkundemuseum aufzubauen. Heute arbeitet er als zoologischer Präparator am Museum der Natur am LIB. Im Interview erzählt er von seinem Weg zwischen Wissenschaft und Handwerk, von politischen Hürden, neuen Präparationsmethoden – und davon, warum selbst ein Huhn für ihn eine Geschichte über Natur, Verantwortung und Lernen erzählt.
Welche Rolle spielt Natur für Sie persönlich – auch jenseits Ihrer Arbeit im Museum?
Natur ist für mich ein sehr wichtiger Teil meines Lebens. Sie gibt mir mentale, emotionale und körperliche Kraft und steht für eine enge Verbindung allen Lebens. Es gibt Orte in der Natur, die für mich besonders bedeutend sind, etwa Saint Martin’s Island in Bangladesch, eine kleine Insel im Golf von Bengalen, die ich als sehr friedlich und ursprünglich erlebt habe. Die Vielfalt des Meeres und die besondere Atmosphäre dort sind für mich eng mit persönlichen Erinnerungen verbunden, und ich wünsche mir, diesen Ort eines Tages wieder zu besuchen. Auch Bewegung in der Natur spielt für mich eine wichtige Rolle: In meiner Freizeit spiele ich gern Cricket, Fußball oder Badminton, um einen Ausgleich zur konzentrierten Arbeit in der Präparation zu finden. Natur bedeutet für mich daher nicht nur Forschung und Schutz, sondern auch Lebensqualität.
Was hat Sie zum LIB geführt – und wie sind Sie überhaupt zur Präparation gekommen?
Der Wunsch, Biologie zu studieren, hat mich schon sehr früh begleitet. Besonders die Zoologie hat mich fasziniert, weshalb ich in Bangladesch meinen Bachelor und Master in diesem Fach gemacht habe. Da es in meiner Heimat keine naturkundlichen Museen gibt, kannte ich Tierpräparate lange Zeit nur aus Büchern. Selbst in unserer Fakultät an der Universität hatten wir keinen Zugang zu Tierpräparaten.
Erst durch Workshops an meiner Universität kam ich mit Präparation in Berührung. Dabei wurde mir klar, welche zentrale Rolle sie für Forschung, Lehre und den Schutz der Biodiversität spielt. Präparate bewahren Tiere dauerhaft und machen Natur auch für Menschen außerhalb der Wissenschaft anschaulich.
Wie entwickelte sich daraus Ihre Ausbildung in Deutschland?
Ein Professor von mir hatte die Vision, in Bangladesch ein Naturkundemuseum aufzubauen. Über internationale Kontakte entstand eine Zusammenarbeit mit europäischen Kolleginnen und Kollegen, darunter mein späterer Ausbilder Marco Fischer vom Naturkundemuseum Erfurt. Daraus entwickelte sich ein deutsch-bangladeschisches Ausbildungsprojekt für zoologische Präparatoren.
Dank der Förderung durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) konnte ich gemeinsam mit zwei weiteren Studierenden nach Deutschland kommen. Wir absolvierten eine mehrjährige spezialisierte Ausbildung, die praktische Arbeit in mehreren Naturkundemuseen mit theoretischen Inhalten an der Hochschule Anhalt verband.
Das ursprüngliche Ziel war, dieses Wissen nach Bangladesch zurückzubringen. Warum ist das nicht gelungen?
Nach Abschluss unserer Ausbildung wollten wir zurückkehren und beim Aufbau eines Naturkundemuseums mithelfen. Dieses Vorhaben scheiterte jedoch an politischen, strukturellen und finanziellen Rahmenbedingungen. Es fehlte an langfristiger Unterstützung und an der Bereitschaft, in Forschung und museale Infrastruktur zu investieren.
Für uns war das sehr frustrierend. Wir waren gut ausgebildet, hatten aber keine Institution, in der wir hätten arbeiten können. Am Ende mussten wir akzeptieren, dass wir unser Wissen nicht in der geplanten Form in unserem Heimatland einsetzen können.
Wie sind Sie schließlich am LIB gelandet?
Nach dem Scheitern des Projekts stand ich vor der Entscheidung, mein Wissen ungenutzt zu lassen oder einen neuen Weg einzuschlagen. Präparation ist ein sehr spezialisiertes Berufsfeld, das kontinuierliche Praxis erfordert. Deshalb habe ich mich entschieden, in Deutschland zu bleiben. Die Arbeit am LIB bietet mir die Möglichkeit, meine wissenschaftliche Ausbildung und mein handwerkliches Können sinnvoll zu verbinden.
Hatten Sie jemals das Gefühl, sich von der Wissenschaft zu entfernen?
Nein. Im Gegenteil: Meine Arbeit als Präparator ist für mich Teil wissenschaftlicher Arbeit. Kenntnisse über Anatomie, Lebensräume und ökologische Zusammenhänge sind essenziell, um Tiere korrekt und realistisch darzustellen.
Welche Rolle spielt Teamarbeit in Ihrem Arbeitsalltag?
Als Präparatoren arbeiten wir immer im Team. Teamarbeit ist ein zentraler Bestandteil unseres Arbeitsalltags und der wichtigste Weg, um unsere Ziele zu erreichen und gleichzeitig ein gutes Arbeitsumfeld zu schaffen. Viele Entscheidungen treffen wir gemeinsam – etwa bei der Lösung komplexer Probleme, beim Austausch von Wissen oder bei der Verteilung von Aufgaben. So können Arbeiten effizienter und in höherer Qualität umgesetzt werden. Besonders am LIB, wo der Fokus stark auf Forschung liegt, ist auch die enge Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Abteilungen sehr wichtig.
Welche Bedeutung hat Präparation für Forschung und Ausstellung?
Beides ist gleich wichtig. Wissenschaftliche Präparate bewahren Tiere für zukünftige Forschung, etwa für genetische Analysen. Ausstellungspräparate machen Biodiversität sichtbar und sensibilisieren für Natur- und Artenschutz. Beides gehört untrennbar zusammen.
Gibt es ein Präparat, das Ihnen besonders am Herzen liegt?
(Lacht) Ja – tatsächlich ein Huhn. Auf den ersten Blick wirkt es unspektakulär. Aber genau das macht es für mich so spannend. Fast jeder kennt ein Huhn, doch kaum jemand weiß, wie komplex sein Körperbau ist. Dieses Präparat eignet sich sehr gut, um zu zeigen, wie viel Wissen in scheinbar alltäglichen Tieren steckt.
Was war bei diesem Präparat neu?
Beim Huhn haben wir eine neue Präparationsmethode angewendet und stärker mit formstabilen Materialien gearbeitet. Beim Kopf wurde die Haut durch Kunststoff ersetzt und sehr präzise angepasst. Das war ein Prozess mit vielen Versuchen, Diskussionen und Experimenten. Am Ende entstand ein stabiles, langlebiges und zugleich sehr naturgetreues Präparat.
Warum ist diese Methode für die Museumsarbeit relevant?
Einige Materialien reagieren oft weniger empfindlich auf Licht, Klima oder Alterung. Für Sammlungen und Ausstellungen, die langfristig bestehen sollen, ist das ein großer Vorteil. Das Huhn steht für mich sinnbildlich für zeitgemäße Präparation: wissenschaftlich fundiert, respektvoll und offen für Innovation.
Diese Arbeit ist Teil der Sonderausstellung „Menschen machen Museum“. Welche Rolle spielt das Huhn dort?
Die Ausstellung macht die Arbeit hinter den Kulissen sichtbar. Das Huhn zeigt exemplarisch, wie viel Wissen, Handwerk und Teamarbeit in einem einzelnen Objekt stecken. Es erzählt die Geschichte von Präparation als Lernprozess – und von den Menschen, die Museen gestalten.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?
Einen festen Ablauf gibt es kaum. Ich arbeite mit sehr unterschiedlichen Objekten – von Vögeln über Säugetiere bis hin zu Modellen oder Pflanzen. Oft laufen mehrere Projekte parallel. Genau diese Vielfalt schätze ich sehr.
Welchen Rat würden Sie Menschen geben, die Präparatorin oder Präparator werden möchten?
Man braucht Geduld, handwerkliches Geschick, wissenschaftliche Neugier und großen Respekt vor der Natur. Wichtig ist auch, Rückschläge auszuhalten und immer weiterzulernen. Präparation ist ein langer Prozess – aber ein sehr erfüllender.
Md. Abdullah Al Mamun ist seit 2020 zoologischer Präparator am Museum der Natur Hamburg am LIB. Nach einem Zoologiestudium in Bangladesch absolvierte er eine DAAD-geförderte Ausbildung zum Präparator in Deutschland, unter anderem am Naturkundemuseum Erfurt und an der Hochschule Anhalt. Er arbeitete an mehreren Naturkundemuseen im In- und Ausland und wurde für seine präparatorische Arbeit international ausgezeichnet.
:watermark(leibniz-lib.de/typo3temp/assets/images/watermark-copyright/4c7707a203635b5d787fd006d70cfa18.png,3,10,0)/leibniz-lib.de/fileadmin/user_upload/home/Bilder/LIB/News/Gesicht_des_LIB/2026-01-27-GesichtDesLIB-Mamun.jpg%3F1769516814)