Von langen Arbeitstagen, ersten Tauchgängen im U-Boot und dem Gefühl, mit neuer wissenschaftlicher Energie zurückzukehren: Im November 2025 nahm LIB-Forscherin Dr. Jenna Moore an einer OceanX-Expedition nach Timor-Leste teil. Gemeinsam mit einem internationalen Team untersuchte sie die marine Biodiversität von flachen Riffen bis in Tiefen von 2.000 Metern. An Bord des Forschungsschiffes OceanXplorer konzentrierte sie sich auf das Sammeln und die Erforschung mariner Anneliden (Ringelwürmer). Im Interview berichtet sie von wissenschaftlichen Entdeckungen, dem Alltag auf See und einer Expedition, die sie nachhaltig geprägt hat.
Nach dieser intensiven Zeit auf See – wie war es, zurückzukehren?
Ich würde sagen, ich fühlte mich wissenschaftlich erneuert. Wir verbringen so viel Zeit damit, über die Tiere zu schreiben, die wir untersuchen, und auf Bildschirme zu starren, dass wir manchmal das Gefühl haben, den Kontakt zur Natur verloren zu haben – den Grund, warum wir diese Arbeit überhaupt machen. Wenn man im Wasser ist und die Organismen in ihrer Umgebung sieht, findet man wieder zu diesem Ziel zurück.
Wie intensiv war der Arbeitsalltag an Bord?
Ich habe im Durchschnitt etwa 18 Stunden pro Tag gearbeitet. Die Tage begannen oft früh mit Tauchgängen, U-Boot-Missionen oder Einsätzen im Kontrollraum des ROVs (Remotely Operated Vehicles, ferngesteuerte Unterwasserfahrzeuge). Letzteres kann überraschend anstrengend sein, weil man stundenlang in einem dunklen Raum sitzt, auf Bildschirme schaut und sich sehr stark konzentrieren muss. Die Nachmittage und Abende verbrachten wir dann mit der Aufarbeitung der Proben im Labor. An manchen Tagen war ich kaum draußen. Aber all das war trotzdem unglaublich beeindruckend.
Was war das Hauptziel der OceanX-Mission und welche Rolle spielte die eigene Forschung dabei?
Die Expedition war eine breit angelegte Biodiversitätserhebung – wir bezeichnen das als „BioBlitz“. Ziel ist es, die Vielfalt mariner Wirbelloser zu entdecken und zu dokumentieren, insbesondere in Regionen, die bislang wenig erforscht oder besonders artenreich sind.
Ich wurde als Expertin für Anneliden, also marine Würmer, eingeladen. Während meiner Studienzeit, war ich an der Bearbeitung vieler verschiedener Organismengruppen beteiligt. Heute ist meine Rolle deutlich fokussierter. Auf dieser Expedition habe ich mich hauptsächlich auf das Sammeln und Bearbeiten von Anneliden konzentriert, die in der Aufarbeitung oft etwas anspruchsvoller sind als andere Wirbellose.
U-Boot-Tauchgänge gehörten ebenfalls zur Expedition. War das eine Premiere?
Ja, es war mein allererstes Mal in einem U-Boot. Bei meinem ersten Tauchgang sind wir bis auf etwa 600 Meter Tiefe gegangen – und dabei haben wir eine neue Art aus der Gruppe entdeckt, auf die ich spezialisiert bin. Ich habe sie sofort erkannt: Sie war ungewöhnlich groß, lebte ungewöhnlich tief und war ganz eindeutig etwas Neues.
Was machte diese Entdeckung wissenschaftlich besonders?
Normalerweise arbeite ich im Flachwasser, vom Ufer bis etwa 30 Meter Tiefe, wo es kaum eine ausgeprägte Tiefenzonierung gibt. Eine Art in ihrem natürlichen Lebensraum zu sehen, die ganz klar nur in deutlich größeren Tiefen vorkommt, hat mir zum ersten Mal einen direkten Einblick in die Tiefenstruktur dieser Gruppe gegeben. Das war wirklich spannend.
Was war das Überraschendste während der Expedition?
Der Abstieg im U-Boot war eine sehr eindrückliche Erfahrung. Während man durch die Wassersäule hinabfährt, wird einem plötzlich bewusst, wie dreidimensional der Ozean tatsächlich ist. Man sieht Plankton an den Fenstern vorbeiziehen und merkt, wie viel vom Ozean wir übersehen, wenn wir uns ausschließlich auf den Meeresboden konzentrieren.
Das hat mir meine eigenen wissenschaftlichen blinden Flecken sehr deutlich vor Augen geführt – und gezeigt, wie viel es im Ozean noch zu entdecken gibt.
Wie war das Leben an Bord der OceanXplorer?
Ganz ehrlich: Es fühlte sich wie ein Paradies für die Meeresforschung an. Das Schiff ist hervorragend konzipiert, die technische Ausstattung außergewöhnlich und die Crew ist hochprofessionell, freundlich und extrem kompetent. Für viele aus unserem Team – selbst für sehr erfahrene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – war es das erste Mal, dass sie mit bemannten U-Booten und ROVs gearbeitet haben. Das Niveau der wissenschaftlichen Unterstützung habe ich so zuvor noch nie erlebt.
Wie war die Stimmung im Team?
Einige von uns arbeiten bei diesen BioBlitz-Expeditionen schon seit fast 20 Jahren zusammen, andere waren neu dabei. Trotzdem war die Atmosphäre außergewöhnlich gut – sehr ruhig, freundlich und kooperativ. Alle verstanden sich bestens und hatten sichtbar Freude an der gemeinsamen Arbeit. Die Vielfalt an Fachrichtungen führte zu vielen spannenden Kooperationen und neuen Perspektiven. Außerdem waren während der gesamten Expedition auch lokale Gäste aus Timor-Leste an Bord. Es hat Spaß gemacht, sie kennenzulernen und gemeinsam an den Proben zu arbeiten.
Was geschieht nun mit den gesammelten Proben?
Insgesamt haben wir rund 4.000 Exemplare gesammelt. Das Material wird nun auf verschiedene Institutionen verteilt: Korallen gehen nach Saudi-Arabien, Schwämme nach Hawaii und die Anneliden werden Teil der LIB-Sammlung. Der Großteil des übrigen Materials wird an das Florida Museum of Natural History übergehen. Alle Proben wurden mit Gewebeproben und Belegexemplaren gesichert und die meisten zudem lebend fotografiert, um Farbinformationen zu erhalten. Allein von den Würmern haben wir rund 500 Exemplare gesammelt – das ist eine Menge für nur zwei Wochen Arbeit.
Wenn sich die Möglichkeit ergäbe, sofort wieder aufzubrechen – wäre das eine Option?
Auf jeden Fall. Eigentlich wollte ich kaum zurückkommen. Es war extrem anstrengend, aber zugleich eine unglaublich bereichernde Erfahrung und ich würde ohne zu zögern wieder mitfahren.
Gibt es noch etwas, das man über die Expedition unbedingt wissen sollte?
Was für mich besonders bemerkenswert war, ist die Rolle, die private Stiftungen wie OceanX bei der Förderung der Biodiversitätsforschung spielen können. Das Niveau an Ressourcen, technischer Ausstattung und Unterstützung war außergewöhnlich und ermöglicht Meeresforschung in einem Umfang, der sonst nur selten realisierbar ist. Das ist ungewöhnlich, etwas ganz Besonderes – und von enormem Wert für das Verständnis und den Schutz der marinen Biodiversität.
Über OceanX
OceanX ist eine gemeinnützige Organisation, die mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zusammenarbeitet, um die Ozeane zu erforschen und neue Erkenntnisse über das Meer zu gewinnen. Mit hochmodernen Forschungsschiffen, bemannten U-Booten und ferngesteuerten Fahrzeugen (ROVs) ermöglicht OceanX Forschung in Regionen und Tiefen, die sonst nur schwer zugänglich sind – mit dem Ziel, Wissen, Schutz und öffentliche Wahrnehmung der marinen Biodiversität zu stärken. https://oceanx.org/
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