Zum Inhalt springen
29.09.2026

Forschungsmuseen fordern entschlossenes Handeln

Vor der Biodiversitäts-Weltkonferenz: Gemeinsamer Appell an die Politik für eine wirksame Umsetzung des Weltnaturabkommens
Großes, teilweise verwelktes Blatt auf feuchtem Waldboden umgeben von grünem Laub und gelben Gummistiefeln
News Forschung Pressemitteilung

Im Vorfeld der Weltnaturkonferenz COP17 in Armenien appellieren Biodiversitätsforschende gemeinsam an die Politik. Sie fordern entschlossenes Handeln und starke wissenschaftliche Grundlagen, damit die internationalen Ziele zum Schutz der biologischen Vielfalt wirksam umgesetzt werden.

Hinter dem Appell stehen das Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB), das Museum für Naturkunde Berlin (MfN), die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung (SGN), die Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB) und das Naturkundemuseum Stuttgart (SMNS). Gemeinsam fordern sie unter anderem eine verlässliche Finanzierung des Biodiversitätsschutzes, wirksame Schutzgebiete, eine Stärkung wissenschaftlicher Infrastrukturen und des Biodiversitätsmonitorings sowie den Abbau biodiversitätsschädlicher Subventionen.

Der gemeinsame Brief im Wortlaut:

Sehr geehrte/r Abgeordnete des Deutschen Bundestages,

wir, die Unterzeichnenden dieses Briefes, wenden uns an Sie, weil mit der 17. Vertragsstaatenkonferenz der Biodiversitätskonvention (CBD COP 17, 19.–30. Oktober 2026) wegweisend entschieden werden wird, ob das Weltnaturabkommen seine volle Wirkung entfalten kann. Als wissenschaftliche Institutionen möchten wir Sie mit unserer breiten Expertise unterstützen.

Mit dem Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework (KMGBF, 2022) hat sich die Weltgemeinschaft verpflichtet, den Verlust der biologischen Vielfalt aufzuhalten und bis 2050 ein Leben in Harmonie mit der Natur zu gestalten.

Dieses Ziel ist erreichbar. Es verlangt jedoch entschlossenes, zügiges Handeln, belastbare wissenschaftliche Grundlagen und andauernde internationale Zusammenarbeit. Die COP 17 wird die erste globale Überprüfung der gemeinsamen Fortschritte (Global Review of Collective Progress) liefern. Sie ist somit die erste Gelegenheit, ehrlich zu bilanzieren und bestehende Defizite – entsprechend dem Konferenzmotto „Taking Action for Nature“ – konsequent anzugehen.

Handeln für Natur heißt Zukunft sichern

Biodiversität ist wesentlich mehr als ein Naturschutzthema. Sie bildet die Grundlage für Ernährungssicherheit, sauberes Wasser, Gesundheit, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit[1] und nicht zuletzt gesellschaftliche Stabilität. Intakte Ökosysteme mindern die Folgen von Extremwetterereignissen und gehören zu den wirksamsten und wirtschaftlichsten Zukunftsinvestitionen.[2]

An Sie appellieren wir, sich für ambitionierte, überprüfbare und international tragfähige Ergebnisse einzusetzen. Dazu zählen insbesondere eine verlässliche Finanzierung, die wirksame Umsetzung des 30x30-Ziels, ein wirksamer Vorteilsausgleich, eine wissenschaftsbasierte Umweltpolitik – und ein entschlossener Abbau biodiversitätsschädlicher Subventionen.

Wir, die Institute der Unterzeichner, arbeiten gemeinsam, um mit unserer wissenschaftlichen Expertise, mit innovativen Monitoring-Verfahren und international vernetzten Dateninfrastrukturen eine glaubwürdige, evidenzbasierte Überprüfung der Umsetzung des Weltnaturabkommens sowie die Entscheidung über weitere Umsetzungsschritte zu ermöglichen.

Aus wissenschaftlicher Sicht sehen wir in mehreren Verhandlungsfeldern auf der COP 17 dringenden Handlungsbedarf:

Finanzierungslücke schließen – verlässlich und nachvollziehbar

Die Umsetzung der Ziele des KMGBF erfordert langfristig verlässliche Finanzierungsmechanismen. Entscheidend sind transparente, überprüfbare Fahrpläne, die Vertrauen schaffen und Fortschritte nachvollziehbar machen.

Deutschland trägt als einflussreiches Mitglied der Europäischen Union besondere Verantwortung dafür, dass die vereinbarte Erhöhung der Biodiversitätsausgaben im EU-Haushalt von 7,5 Prozent auf 10 Prozent (ab 2026) konsequent umgesetzt und durch ein wissenschaftsbasiertes, transparentes Monitoring begleitet wird. Gleichzeitig müssen biodiversitätsschädliche Subventionen schrittweise und sozial ausgewogen abgebaut werden.

30×30-Ziel: Qualität sichern

Das Ziel, bis 2030 jeweils 30 Prozent der Land- und Meeresfläche wirksam zu schützen, gehört zu den wichtigsten Vereinbarungen des Weltnaturabkommens.

Entscheidend ist dabei nicht allein die ausgewiesene Fläche, sondern ihre tatsächliche ökologische Wirksamkeit. Zahlreiche Schutzgebiete erfüllen ihre Schutzfunktion bislang nur unzureichend. Deshalb sollten Fortschritte künftig konsequent anhand ihrer nachweisbaren Wirkung bewertet werden. Dafür braucht es international vergleichbare wissenschaftliche Standards und ein transparentes Monitoring.

Wissenschaftliche Infrastruktur stärken

Auf der COP 17 werden die Ergebnisse der ersten „Globalen Überprüfung der gemeinsamen Fortschritte bei der Umsetzung des Rahmens, einschließlich der Mittel zur Umsetzung, auf der Grundlage nationaler Berichte und gegebenenfalls anderer Quellen“[3] präsentiert werden.

Der Monitoring-, Reporting- und Review-Mechanismus des KMGBF benötigt belastbare und weltweit vergleichbare Informationen. Die Umsetzung des Weltnaturabkommens steht und fällt mit der Qualität der verfügbaren Daten. Nur eine glaubwürdige, evidenzbasierte Überprüfung der Umsetzung liefert die Basis, um ehrlich zu bilanzieren und – das ist entscheidend – auf dieser Grundlage konkretes Handeln für ein Leben in Harmonie mit der Natur abzuleiten.

Naturkundliche Forschungsmuseen leisten hierzu einen unverzichtbaren Beitrag. Sie bewahren wissenschaftliche Sammlungen von globaler Bedeutung, verfügen über einzigartige taxonomische Expertise, betreiben langfristige Forschungs- und Dateninfrastrukturen und stellen kuratierte Datensätze für Forschung, Politik und Gesellschaft bereit. Sammlungsbasierte naturwissenschaftliche Forschung ist essenziell für das Verständnis der Ursachen von Biodiversitätsveränderungen sowie für zuverlässigere Vorhersagen und Gestaltung zukünftiger Entwicklungen. Innovative Monitoring-Verfahren ermöglichen es heute, Veränderungen der biologischen Vielfalt präziser und schneller zu erfassen als jemals zuvor. Sie schaffen die Grundlage dafür, politische Maßnahmen transparent zu bewerten, ihre Wirksamkeit zu überprüfen und Investitionen nachvollziehbar zu steuern. Das sind zentrale Bausteine, damit das Weltnaturabkommen seine volle Wirkung entfalten kann. Die wissenschaftliche Infrastruktur sollte deutlich gestärkt und international noch besser vernetzt werden.

Freien Zugang zu digitalen Sequenzinformationenerhalten

Digitale Sequenzinformationen (DSI) bilden eine zentrale Grundlage für Forschung und Innovation, vom Biodiversitätsschutz zu Land und zu Wasser über Medizin, Landwirtschaft und Pharmazie bis hin zur Grundlagenforschung.

Der offene, freie und uneingeschränkte Zugang zu diesen Daten muss weiterhin erhalten bleiben. Gleichzeitig braucht es einen verbindlichen, praktikablen und global funktionierenden Mechanismus für den Vorteilsausgleich.

Wissenschaftliche Kooperationen, Kapazitätsaufbau und Technologietransfer leisten bereits jetzt einen wesentlichen nicht-monetären Beitrag zum Benefit Sharing und sollten im Rahmen der COP 17 ausdrücklich anerkannt werden. Den Aufbau des Cali-Funds begrüßen wir als wichtigen Schritt.

Internationale Glaubwürdigkeit beginnt bei uns

Die Glaubwürdigkeit internationaler Vereinbarungen hängt entscheidend davon ab, dass ihre Ziele auch national konsequent umgesetzt werden. Aus wissenschaftlicher Sicht dürfen bestehende Umwelt- und Naturschutzstandards nicht abgeschwächt, sondern müssen weiterentwickelt werden. Das Aktionsprogramm „Natürlicher Klimaschutz“ der Bundesregierung muss langfristig abgesichert, Synergien zwischen Landwirtschaft und Naturschutz konsequent genutzt und die Renaturierungsmaßnahmen als Investitionen in die langfristige Sicherung unserer natürlichen Lebensgrundlagen verstanden werden. Die Extremwetterereignisse der vergangenen Wochen mahnen uns alle, zügig und konsequent zu handeln.

Wir danken Ihnen für Ihr Engagement und wünschen der deutschen Delegation erfolgreiche Verhandlungen in Jerewan. Für einen weiteren Austausch stehen wir jederzeit gerne zur Verfügung.

Auf Ihre Rückmeldung freuen wir uns.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Dr. h. c. Bernhard Misof (Generaldirektor Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels), Prof. Johannes Vogel Ph. D. (Generaldirektor Museum für Naturkunde Berlin), Prof. Dr. Klement Tockner (Generaldirektor Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung), Prof. Dr. Jörg Overmann (Generaldirektor Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns) und Prof. Dr. Lars Krogmann (Wissenschaftlicher Direktor Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart)

---

[1] Johnson, Justin Andrew; Baldos, Uris; Cervigni, Raffaello; Chonabayashi, Shun; Corong, Erwin; Gavryliuk, Olga; Hertel, Thomas; Nootenboom, Christopher; Gerber, James; Ruta, Giovanni; Polasky, Stephen. 2021.The Economic Case for Nature: A Global Earth-Economy Model to Assess Development Policy Pathways © World Bank; https://www.worldbank.org/en/topic/environment/publication/the-economic-case-for-nature

[2] WEF (2020): Nature Risk Rising: Why the Crisis Engulfing Nature Matters for Business and the Economy, www.weforum.org/publications/nature-risk-rising-why-the-crisis-engulfing-nature-matters-for-business-and-the-economy/

WEF (2020): New Nature Economy Report II: The Future of Nature and Business, www.weforum.org/publications/new-nature-economy-report-ii-the-future-of-nature-and-business/

[3] Dt. Übersetzung KMGBF, Abschnitt J "Responsibility and transparency", § 16 (d)

Wissenschaftliche Ansprechperson LIB

Prof. Dr. Dr. h. c. Bernhard Misof

  • Generaldirektor / Lehrstuhl "Spezielle Zoologie"

Tel.: +49 228 9122 200
E-Mail: b.misof@leibniz-lib.de

Presse-Kontakt (LIB Bonn)

Dipl. Biol. Alexandra Hostert

  • Leitung Kommunikation, Presse & Event, Bonn
  • Pressesprecherin

Tel.: +49 228 9122 215, mobil +49 170 2747 926
E-Mail: a.hostert@leibniz-lib.de

Presse-Kontakt (LIB Hamburg)

Mareen Gerisch

  • Leitung Kommunikation, Presse & Event, Hamburg
  • Pressesprecherin

Tel.: +49 40 238317 908, mobil +49 160 90853213
E-Mail: m.gerisch@leibniz-lib.de

Datenschutz­einstellungen
Diese Seite nutzt Cookies und Elemente Dritter, um Ihnen bestimmte Funktionen und ein optimales Webseiten-Erlebnis zu bieten. Dazu zählen Cookies, die für den Betrieb der Seite unbedingt notwendig sind, Cookies zur anonymen statistischen Analyse/Messung sowie die Einbettung von externen Diensten, deren Verwendung Sie vor der Nutzung zustimmen müssen. Weitere Informationen finden Sie unten bei den Hinweisen zu den einzelnen Funktionen sowie ausführlich in unseren Datenschutzhinweisen.
Diese Cookies sind notwendig, um die Basisfunktionen unserer Webseiten zu ermöglichen.
Diese Einwilligung erlaubt es Ihnen externe Inhalte (via IFrame) anzusehen.
Diese Einwilligung erlaubt es Ihnen eingebettete Videos anzusehen.
Seitenaufrufe werden zu statistischen Zwecken mit Matomo erfasst, um unsere Website stetig zu optimieren. Die IP-Adresse des Besuchers wird pseudonymisiert.
Einstellungen gespeichert