Schlafen Spinnen? Und erleben sie dabei möglicherweise sogar eine Art REM-Schlaf, wie wir ihn vom Menschen kennen? Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Universität Bonn hat das Schlafverhalten der australischen Springspinne Portia fimbriata untersucht. Die Ergebnisse zeigen: Auch Spinnen durchlaufen unterschiedliche Schlafphasen, darunter einen REM-ähnlichen Zustand mit Augenbewegungen und Muskelzuckungen. An der Studie war auch Prof. Dr. Mariella Herberstein vom Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB) beteiligt. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) veröffentlicht.
Schlaf ist im Tierreich weit verbreitet. Besonders der sogenannte REM-Schlaf (Rapid Eye Movement), der beim Menschen mit intensiven Träumen in Verbindung gebracht wird, galt jedoch lange als Besonderheit von Tieren mit komplexen Nervensystemen. Nachgewiesen wurden REM-ähnliche Schlafzustände bislang unter anderem bei Säugetieren, Vögeln, Reptilien und Kopffüßern. Welche Rolle solche Schlafphasen bei anderen Tiergruppen spielen und wie sie im Laufe der Evolution entstanden sind, ist noch weitgehend ungeklärt.
Ein Forschungsteam um Dr. Daniela Rößler und die Doktorandin Nadja Geiger von der Universität Bonn hat nun untersucht, ob auch Spinnen tatsächlich schlafen und dabei unterschiedliche Schlafphasen durchlaufen. Im Mittelpunkt stand die australische Springspinne Portia fimbriata, die für ihre außergewöhnlichen Jagdstrategien und Lernfähigkeiten bekannt ist.
Zwei unterschiedliche Schlafphasen nachgewiesen
Die Forschenden beobachteten die Spinnen über mehrere Tage und Nächte hinweg und zeichneten ihr Verhalten mit hochauflösenden Kameras auf. Mithilfe von Infrarotaufnahmen dokumentierten sie unter anderem typische Schlafhaltungen, Ruhephasen sowie Bewegungen der Augen und Muskeln.
Dabei konnten sie zwei deutlich unterscheidbare Schlafphasen feststellen. In einer davon zeigten die Spinnen charakteristische Augenbewegungen und Muskelzuckungen, die an den REM-Schlaf von Wirbeltieren erinnern.
Doch woran lässt sich erkennen, ob eine Spinne tatsächlich schläft und nicht einfach nur ruht? Um diese Frage zu beantworten, untersuchte das Team, wie schnell die Tiere auf akustische Reize reagierten. Während des Schlafs waren ihre Reaktionen deutlich verlangsamt. Wurde ihre Nachtruhe gestört, holten die Spinnen den verlorenen Schlaf anschließend nach. Damit erfüllten sie zentrale Verhaltenskriterien für echten, regulierten Schlaf.
Neue Fragen zur Evolution des Schlafs
Bisher wurde angenommen, dass komplexe Gehirne REM-Schlaf benötigen, etwa um Informationen zu verarbeiten und Lern- und Gedächtnisprozesse zu unterstützen. Spinnen besitzen jedoch vergleichsweise kleine Gehirne.
„Besonders faszinierend ist, dass offenbar kein komplexes Gehirn notwendig ist, um REM-ähnliche Schlafphasen zu durchlaufen. Unsere Ergebnisse werfen damit neue Fragen nach dem evolutionären Ursprung des Schlafs auf“, erklärt Prof. Dr. Mariella Herberstein vom LIB, die an der Forschungsarbeit beteiligt war.
Die neuen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass REM-ähnliche Schlafzustände möglicherweise keine Besonderheit komplexer Nervensysteme sind. Vielmehr könnten sie bereits früh in der Evolution entstanden und in unterschiedlichen Tiergruppen weit verbreitet sein.
Die Studie zeigt zugleich, wie wichtig es ist, das Verhalten bislang wenig untersuchter Tiergruppen genauer zu erforschen. Sorgfältige Beobachtungen können überraschende Gemeinsamkeiten zwischen Tieren aufdecken, deren Nervensysteme sich grundlegend unterscheiden.
Weitere Fragen zum Schlaf im Tierreich
In weiteren Untersuchungen wollen die Forschenden herausfinden, wie weit REM-ähnliche Schlafphasen innerhalb der Spinnen verbreitet sind und welche Zusammenhänge zwischen Schlaf und kognitiven Fähigkeiten bestehen. Auch die Frage, wie sich Umweltveränderungen, insbesondere künstliches Licht in der Nacht, auf den Schlaf der Tiere auswirken, soll künftig untersucht werden.
Die Ergebnisse eröffnen damit neue Perspektiven für die vergleichende Verhaltensforschung und das Verständnis der evolutionären Ursprünge des Schlafs.
Originalpublikation
Geiger, N., Capelle, M. Q., Rosentreter, P., Herberstein, M. E., Bahl, A., De Agrò, M., Klein, B. A. & Rößler, D. C. (2026): Behavioral evidence for two-stage sleep in spiders. Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS).
Wissenschaftliche Ansprechperson LIB
- Leitung Zentrum für Taxonomie und Morphologie
- Stellvertretende LIB-Generaldirektorin am Standort Hamburg
Tel.: +49 40 238317 630
E-Mail: m.herberstein@leibniz-lib.de
Presse-Kontakt (LIB Hamburg)
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