Die aktuelle Diskussion um das geplante neue Naturkundemuseum in Hamburg rückt auch die Frage nach seiner Zukunft erneut in den Fokus. Für das Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels ist das Ziel klar: Hamburg soll ein modernes Forschungsmuseum bekommen, das exzellente Bedingungen für Forschung und Sammlungen bietet und zugleich ein lebendiger Ort für Bildung, Austausch und gesellschaftlichen Dialog ist.
Die wissenschaftlichen und räumlichen Anforderungen an ein solches Museum sind definiert, verschiedene Möglichkeiten wurden bereits geprüft und das entwickelte Raumkonzept kann an unterschiedlichen Standorten funktionieren. Damit besteht eine klare Grundlage für die weitere Planung des neuen Naturkundemuseums gemeinsam mit der Stadt.
Warum dieses Vorhaben eine große Chance für Hamburg ist und unabhängig von einer einzelnen Immobilie weitergedacht werden sollte, erläutert LIB-Generaldirektor Prof. Dr. Dr. h.c. Bernhard Misof in einem Gastbeitrag, der am 24. August 2026 im Hamburger Abendblatt erschienen ist.
Gastbeitrag von Prof. Dr. Dr. h.c. Bernhard Misof
Ein Naturkundemuseum in Hamburg ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit für die Wissenschaft, für die Bildung und für die Zukunft unserer Gesellschaft. Doch die aktuelle Debatte droht, sich auf die Frage nach der Zukunft des Elbtowers zu verengen. Das hat mit dem Auftrag des Forschungsmuseums aber nichts zu tun.
Es gibt in Hamburg durchaus Optionen, die den Anforderungen eines modernen Forschungsmuseums gerecht werden, etwa die Reaktivierung früherer Standorte des Desy, die Nutzung von Baufeldern in der HafenCity oder andere geeignete Bestandsimmobilien. Varianten wurden vonseiten der Stadt und des Leibniz-Instituts bereits geprüft und evaluiert.
Diese Prüfung ist kein Zeichen von Unsicherheit, sondern von Verantwortung. Sie hat uns gezeigt, dass das Raumkonzept des neuen Naturkundemuseums an mehreren unterschiedlichen Standorten funktionieren kann. Die Stadt Hamburg muss nicht in einem schwierigen Immobilienprojekt gefangen sein, um ein hervorragendes Naturkundemuseum zu erhalten und seine wissenschaftliche und gesellschaftliche Kompetenz für die Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft auszubauen.
Das Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB) beherbergt rund 16 Millionen Sammlungsobjekte, davon etwa 10 Millionen in Hamburg. Diese Objekte sind kein totes Erbe, sondern eine lebendige Wissensinfrastruktur. Sie sind Grundlage für internationale Spitzenforschung zur Biodiversitätskrise, zum Klimawandel und zu den Wechselwirkungen zwischen Mensch und Natur und für Strategien, raus aus diesen lebensbedrohlichen Krisen. Wie bedrohlich hat uns der Hitzesommer gerade gezeigt.
Diese Forschung braucht adäquate Räume: moderne Labore, klimatisierte Sammlungsdepots, Arbeitsplätze für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt. Diese Anforderungen sind unabhängig von einem konkreten Bauprojekt. Sie sind fachlich definiert und müssen bei jeder Standortentscheidung im Mittelpunkt stehen.
Ein neues Naturkundemuseum wird nicht nur für die Wissenschaft da sein. Es wird ein Ort der Begegnung, des Lernens und der Inspiration sein. Mit einer geplanten Besucherzahl von bis zu 500.000 Menschen pro Jahr wäre es ein bedeutender kultureller und touristischer Anziehungspunkt, unabhängig davon, ob es in der HafenCity oder an einem anderen zentralen Ort entsteht.
In Zeiten von Klimakrise und Artensterben braucht unsere Gesellschaft Orte, an denen komplexe Zusammenhänge verständlich erklärt werden, Wissen zur Lösung dieser Herausforderungen angeboten und Dialog geführt wird. Das Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels wird genau das leisten: Wissen zugänglich machen, Neugier wecken und Handlungsoptionen gemeinsam entwickeln. Angesichts der extremen Umweltveränderungen, die wir mittlerweile hautnah spüren und sehen, wichtiger denn je.
Das LIB wird Verantwortung für den Museumsbetrieb übernehmen – für Forschung, Sammlungen, Ausstellungen und Bildung. Die Kosten für eine Immobilie sind jedoch eine gesamtgesellschaftliche Investition in die kulturelle und wissenschaftliche Infrastruktur Hamburgs. Diese beiden Aspekte sollten getrennt betrachtet werden, um eine sachliche Entscheidung zu ermöglichen.
Ich weiß, dass der Senat und die Mitglieder der Hamburgischen Bürgerschaft das neue Naturkundemuseum als eigenständiges, zukunftsweisendes Vorhaben betrachten und nicht als Anhängsel eines Immobilienprojekts. Lassen Sie uns gemeinsam prüfen, welcher Standort den wissenschaftlichen Anforderungen, den gesellschaftlichen Erwartungen und den wirtschaftlichen Möglichkeiten am besten entspricht.
Ein Naturkundemuseum in Hamburg ist, wie gesagt, kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit für die Wissenschaft, für die Bildung und für die Zukunft unserer Gesellschaft.
Hamburg hat die Chance, ein Naturkundemuseum zu schaffen und international Maßstäbe zu setzen. Nutzen wir diese Chance, lassen wir sie nicht an einer einzelnen Immobilie scheitern. Lassen Sie uns gemeinsam den Weg für ein solches Projekt weitergehen – mutig, sachlich und mit Verantwortung für die nächsten Generationen.
Kontakt
- Generaldirektor / Lehrstuhl "Spezielle Zoologie"
Tel.: +49 228 9122 200
E-Mail: b.misof@leibniz-lib.de
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