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12.03.2026

Schatz des Monats: Das „Drachenwurm“-Rätsel

Diese Zeichnung stammt aus der ersten Beschreibung des „Drachenwurms“ 1896 durch Johann Wilhelm Michaelsen, dem ersten Kurator der Anneliden-Sammlung im heutigen Museum der Natur Hamburg.
Museum der Natur Hamburg Sammlung Schatz des Monats

Ein unscheinbares Glas, ein rotes Etikett – und ein ungelöstes Rätsel, das seit über 130 Jahren auf seine Antwort wartet. In der Anneliden-Sammlung des LIB stehen zahlreiche solcher Gläser dicht an dicht. Sie enthalten sogenannte Typusexemplare: jene besonderen Präparate, die festlegen, was genau eine Art ist. Ohne sie gäbe es keine verlässlichen Namen, keine klare Ordnung der Biodiversität – und manchmal auch keine spannenden wissenschaftlichen Krimis.

Unser Schatz des Monats ist ein einzelner mariner Borstenwurm: der Holotypus von Phyllodoce callirhynchus – also genau jenes Referenzexemplar, anhand dessen die Art ursprünglich wissenschaftlich beschrieben und definiert wurde. Gesammelt wurde er im August 1890 auf den ostfriesischen Inseln von Johann Wilhelm Michaelsen, dem ersten Kurator der Anneliden-Sammlung am Museum der Natur Hamburg.

Borstenwürmer der Gattung Phyllodoce werden wegen ihrer schimmernden Farben und der blattartigen Anhänge entlang ihres Körpers manchmal auch „Drachenwürmer“ genannt. Sie leben am Meeresboden, bewegen sich schlängelnd zwischen Sandkörnern oder Algen und sind aktive Räuber, die kleinere Wirbellose jagen. Für menschliche Augen wirken viele Arten dieser Gruppe erstaunlich ähnlich – schlank, segmentiert, mit feinen Borstenreihen entlang der Körperseiten.

Seit der ursprünglichen Beschreibung ist kein weiteres Exemplar dieser Art aufgetaucht – ein echtes Einzelstück also.

Doch wer heute das Glas betrachtet, entdeckt eine Überraschung: Spätere Forschende kamen zu dem Schluss, dass dieser Wurm vermutlich keine eigene Art ist, sondern zur bereits bekannten Mittelmeer-Art Phyllodoce lineata gehört. Deshalb wird das Präparat heute meist unter diesem Namen geführt. Wie kommt ein „ostfriesischer“ Wurm zu einer mediterranen Identität? Genau hier beginnt eine Geschichte, die weit über dieses einzelne Präparat hinausgeht.

Die wissenschaftliche Einordnung von Arten folgt bis heute einem System, das im 18. Jahrhundert von Carl von Linné entwickelt wurde. Die ersten Arten, die nach diesem System beschrieben wurden, stammten überwiegend aus Europa. Als Forschende im 19. Jahrhundert zunehmend weltweit unterwegs waren, sammelten sie neue Organismen in allen Ozeanen – darunter unzählige Würmer.

Im 20. Jahrhundert setzte sich jedoch eine praktische Annahme durch: Wenn Würmer aus unterschiedlichen Regionen ähnlich aussehen, gehören sie vermutlich derselben Art an. Das schien plausibel, denn viele marine Borstenwürmer besitzen freischwimmende Larven, die sich mit Meeresströmungen verbreiten können. Die Ozeane sind schließlich miteinander verbunden.

Doch Würmer sehen die Welt anders als wir – oder besser gesagt: Sie sehen sie kaum. Die meisten können nur hell und dunkel unterscheiden. Visuelle Signale spielen für sie daher vermutlich eine geringere Rolle als etwa chemische Reize oder Berührungen. Auffällige äußere Unterschiede, die für uns sofort ins Auge springen würden, sind entsprechend selten – viele Borstenwürmer sehen sich für menschliche Augen erstaunlich ähnlich. Genau das macht ihre Bestimmung so schwierig: Was äußerlich nahezu gleich wirkt, kann sich genetisch als völlig unterschiedliche Art entpuppen. Über Jahrzehnte wurden deshalb ähnliche Tiere aus verschiedenen Regionen der Welt unter denselben, häufig ursprünglich europäischen Artnamen zusammengefasst.

Erst moderne genetische Methoden haben gezeigt, dass dieses Bild zu einfach war. Marine Würmer sind vermutlich viel vielfältiger, als die rund 12.000 derzeit anerkannten Arten vermuten lassen. Hinter scheinbar bekannten Namen verbergen sich oft ganze Gruppen bislang unerkannter Arten.

Und damit zurück zu unserem Schatz: Heute wird der ostfriesische Wurm zwar meist als Phyllodoce lineata geführt – doch ob diese Zuordnung tatsächlich stimmt, ist nicht abschließend geklärt. Handelt es sich wirklich um dieselbe Art wie die mediterrane Art? Oder verbirgt sich hier eine eigenständige Art, die seit mehr als einem Jahrhundert übersehen wurde? Genau solche offenen Fragen zeigen, warum historische Sammlungen heute wichtiger sind denn je.

Um diese Rätsel systematisch zu lösen, arbeiten Forschende des LIB gemeinsam mit Expertinnen sowie Experten der Genomik und Anneliden des Senckenberg Naturmuseums Frankfurt und der Universität Göttingen im Projekt „EuroWorm“. Ziel ist es, europäische Wurmarten mit modernen genetischen Methoden neu zu untersuchen, detaillierter zu beschreiben und die Daten offen zugänglich zu machen. So entsteht eine neue Grundlage für die weltweite Biodiversitätsforschung – und vielleicht irgendwann die Antwort auf eine überraschend schwierige Frage: Wie viele Wurmarten gibt es eigentlich?

Bis dahin bleibt unser „Drachenwurm“ ein stiller Zeuge in einem Glas – und ein Hinweis darauf, dass selbst alte Sammlungsstücke noch völlig neue Geschichten erzählen können.

Dieser Drachenwurm wird seit 130 Jahren in der Sammlung bewahrt. Mit modernen genetischen Methoden können Sammlungsobjekte wie dieses heute weitgreifender analysiert werden als zu der Zeit ihres Fundes. Die neuen Informationen bieten der weltweite Biodiversitätsforschung eine neue Grundlage.
Unser Schatz des Monats wurde er im August 1890 auf den ostfriesischen Inseln von Johann Wilhelm Michaelsen gesammelt. Er war der erste Kurator der Anneliden-Sammlung, die heute im Museum der Natur Hamburg erforscht wird.
Dieser Drachenwurm wird seit 130 Jahren in der Sammlung bewahrt. Mit modernen genetischen Methoden können Sammlungsobjekte wie dieses heute weitgreifender analysiert werden als zu der Zeit ihres Fundes. Die neuen Informationen bieten der weltweite Biodiversitätsforschung eine neue Grundlage.
Unser Schatz des Monats wurde er im August 1890 auf den ostfriesischen Inseln von Johann Wilhelm Michaelsen gesammelt. Er war der erste Kurator der Anneliden-Sammlung, die heute im Museum der Natur Hamburg erforscht wird.

Wissenschaftlicher Kontakt

Dr. Jenna Moore

  • Leitung Sektion Annelida

Tel.: +49 40 238317 604
E-Mail: j.moore@leibniz-lib.de

Hinweis

Vom 18.–23. März 2026 sind wir wegen technischer
Umstellungen per E-Mail nicht erreichbar. Telefonisch können Sie uns weiterhin kontaktieren.

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