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27.05.2026

Gesicht des LIB: Katharina Schmidt-Loske

Katharina Schmidt-Loske mit einem alten Buch in der Hand vor einem Bücherregal mit historischen Büchern und Dokumenten
Katharina Schmidt-Loske vor einem Bücherregal mit historischen Beständen des Biohistoricums
News Forschung Museum Koenig Bonn Gesicht des LIB

Katharina Schmidt-Loske leitet am LIB das Biohistoricum, eine Bibliothek mit zahlreichen historischen Büchern und Dokumenten. Während sie über ihre Arbeit spricht und die einzigartigen Werke zeigt, strahlt sie über das ganze Gesicht. Im Interview berichtet sie von Detektivarbeit und der Bedeutung von Vergleichen zwischen früher und heute für die Biodiversitätsforschung und den Naturerhalt.

Was bedeutet Natur für Sie persönlich, und haben Sie einen Lieblingsort in der Natur?

Für mich bedeutet Natur, im Freiland zu sein. Ich genieße es, die Feldlerche zu hören oder Schmetterlinge zu betrachten. Ich wohne in der Nordeifel und liebe den Blick auf unseren bewaldeten Hausberg, den Hochthürmer. Oft steigt der Nebel aus dem Nachbartal hoch oder man kann Kraniche beobachten. Es ist toll, sich als Teil dieser beeindruckenden Natur wahrzunehmen.

Was treibt Sie als Forscherin an?

Mein stärkster Antrieb ist meine Neugierde. Es reizt mich ungemein, den historischen Kontext von Dokumenten und Illustrationen zu entschlüsseln. Deshalb ist mir die Arbeit mit Primärquellen eine Herzensangelegenheit. Dabei stoße ich immer wieder auf überraschende Erkenntnisse, mit denen ich vorher nie gerechnet hätte. Ich empfinde es als großes Privileg, in einer so bedeutenden Fach- und Spezialbibliothek arbeiten zu dürfen und mit den Büchern auf eine ganz besondere Weise in die Welt der biologischen Vielfalt von gestern und heute eintauchen zu können.

Was ist das Besondere am Biohistoricum des LIB?

Es finden sich in den Regalen ganz viele Schätze: von handschriftlichen, unveröffentlichten Briefen bis hin zu künstlerischen Illustrationen und Kupferstichen, die teils vor mehreren Jahrhunderten so detailgetreu angefertigt wurden, dass man sie heute wieder einzelnen Präparaten in den Sammlungen zuordnen kann. Viele der Bücher und Dokumente hat uns der Naturhistorische Verein zur Verfügung gestellt. Ehrenamtliche Mitglieder des Vereins, der seinen Sitz im Museum Koenig hat, helfen nun dabei, das Wissen aus den Büchern öffentlich zugänglich zu machen. Wir möchten die Ergebnisse der Citizen Science von früher – viele der historischen Bücher wurden damals von interessierten Bürgerinnen und Bürgern erstellt – für heutige Citizen Science nutzbar machen. Aus meiner Sicht sind die Illustrationen ganz wunderbar dazu geeignet, Interesse an Tieren anzuregen.

Was hat Sie zur Biologie und dann zur Arbeit im Biohistoricum geführt?

Mein Weg zur Biologie begann in meiner Jugend im Naturschutzverein. Die Arbeit im Freiland und der Austausch mit Biologinnen und Biologen haben mich so geprägt, dass die Naturforschung für mich zur Lebensaufgabe wurde. Diese Begeisterung begleitete mich auch durch mein gesamtes Studium. Später faszinierte mich zunehmend die Schnittstelle zu historischen Werken. Ein Schlüsselmoment war eine Ausstellung zu Maria Sibylla Merian: Ich wollte unbedingt herausfinden, was an ihren Insektenzeichnungen wissenschaftlich exakt und was künstlerische Freiheit war.

Diese Forschungsaufgabe hat mich so gereizt, dass ich meine Doktorarbeit bei Clas Michael Naumann genau diesem Thema widmete. Es begeistert mich seitdem, das Sichtbare und Unsichtbare in der Naturkunst zu ergründen. Das Biohistoricum ist für mich der perfekte Ort, um diese Leidenschaft fortzuführen. Mein Motto lautet: Schränke deinen Blick nicht ein, sondern öffne ihn. Genau diesen interdisziplinären Blick zwischen Geschichte, Kunst und Biologie möchte ich hier einbringen.

Inwieweit ist Ihre Forschung von gesellschaftlicher Relevanz?

Die gesellschaftliche Relevanz meiner Arbeit liegt in der Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft: Indem ich historische Werke transkribiere und analysiere, mache ich vergessenes Wissen überhaupt erst wieder sichtbar und für die moderne Forschung nutzbar. Dies ermöglicht Vergleiche der Biodiversität früher und heute, die zeigen, wie sich die Natur verändert hat und wie wir sie schützen können. Ich sehe mich deshalb nicht nur als Wissenschaftlerin, sondern auch als aktive Anwältin der Natur. Denn nur was man kennt und schätzt, schützt man auch aktiv.

Was wären Sie geworden, wenn es mit der Wissenschaft nicht funktioniert hätte?

Ich denke, ich wäre Künstlerin geworden, denn ich male selbst sehr gerne. Oder Lehrerin, weil ich gerne jungen Menschen Wissen über die Natur vermittle und sie für Naturschutz begeistere.

Wie würden Sie Ihre Arbeit Menschen erklären, die nichts mit Wissenschaft zu tun haben? 

Ich bin quasi eine Übersetzerin für die Geheimnisse der Naturgeschichte. Die Geschichte der Biologie ist unglaublich spannend, aber sie ist oft in alten Sprachen, komplizierten Schriften oder historischen Kunstwerken versteckt. Ich hole das Wissen von damals in die Gegenwart, damit wir den Zustand der Natur früher und heute vergleichen können. In internationalen Kooperationen entstehen dabei auch mehrsprachige Bücher, die weltweit ein breites Publikum erreichen.

Was sollen die Menschen in zehn Jahren mit dem LIB und seinen Museen assoziieren?

In zehn Jahren sollen das LIB und seine Museen lebendige Orte sein, an denen gesellschaftliche Fragen adressiert werden. Ich wünsche mir ein völlig neues Crossover der Zusammenarbeit – weg vom reinen Spezialistentum, hin zu einem intensiven interdisziplinären Austausch. Wenn wir Wissen und Wissenschaft aus verschiedenen Blickrichtungen betrachten, bringt das für alle den größten Wissenszuwachs und die größte Freude an der Forschung und der Natur. Die Menschen sollen aus unseren Museen gehen mit einem Verständnis für den Wert der Natur und dem Gefühl: Wir alle gemeinsam können sehr viel verändern und einen bedeutenden Beitrag leisten, um unsere Umwelt zu erhalten.

Welchen Rat haben Sie für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ihre Karriere beginnen?

Mein wichtigster Rat ist: Bleibe immer neugierig und widme dich immer dem Thema, das dir die meiste Freude bereitet und für das du echte Leidenschaft spürst. Dann kannst du auch Durststrecken überstehen, die es in der Wissenschaft immer mal wieder gibt. Wenn du dich für deine Forschung aufrichtig begeisterst, bist du auch authentisch und beruflich zufrieden und kannst am meisten erreichen.

Welche Ziele haben Sie für die Zukunft?

Ein zentrales Projekt für mich wird die Digitalisierung historischer Literatur, um sie online weltweit zugänglich zu machen und moderne Forschung zu ermöglichen. Außerdem möchte ich junge Menschen motivieren, sich in unserem Biohistoricum zu engagieren. Sie können zum Beispiel bei der Transkription alter Briefe unterstützen, die wie echte Detektivarbeit ist. Dabei lernt man nicht nur etwas über die Natur, sondern entdeckt auch die blumige Sprache von früher, die oft unglaublich zutreffend war. Mein Ziel ist ein lebendiges Archiv, aus dem jeder Mensch – ob Schulkind oder Forschende – am Ende ein Stück schlauer herausgeht.

 


Dr. Katharina Schmidt-Loske stammt gebürtig aus Soest in Westfalen. Sie studierte Biologie in Münster, Bonn und Frankfurt am Main und wurde an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn mit dem Thema „Die Tierwelt der Maria Sibylla Merian. Arten, Beschreibungen, Illustrationen“ promoviert. Sie arbeitet seit 2008 als wissenschaftliche Leiterin des Biohistoricums am LIB Museum Koenig Bonn.

Regal mit historischen Dokumenten im Biohistoricum des LIB
historische Briefe
Katharina Schmidt-Loske blättert in einem historischen Buch mit Illustrationen
Katharina Schmidt-Loske blättert durch historische Illustrationen von Raupen
Buchseite in einem historischen Buch zu verschiedenen Spinnenarten
historische Illustrationen von Spinnen
Katharina Schmidt-Loske blättert in einem historischen Buch mit Illustrationen
historische Illustrationen von Käfern
historische Bücher auf einem Stapel
historische Bücher
Buchseite mit historischen Illustrationen von Raupen
historische Illustrationen von Raupen
Regal mit historischen Dokumenten im Biohistoricum des LIB
historische Briefe
Katharina Schmidt-Loske blättert in einem historischen Buch mit Illustrationen
Katharina Schmidt-Loske blättert durch historische Illustrationen von Raupen
Buchseite in einem historischen Buch zu verschiedenen Spinnenarten
historische Illustrationen von Spinnen
Katharina Schmidt-Loske blättert in einem historischen Buch mit Illustrationen
historische Illustrationen von Käfern
historische Bücher auf einem Stapel
historische Bücher
Buchseite mit historischen Illustrationen von Raupen
historische Illustrationen von Raupen
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