Unter Federführung des Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB) zeigt eine neue Studie: Selbst in vergleichsweise gut erforschten Regionen wie Deutschland ist die Artenvielfalt parasitoider Wespen weitgehend unbekannt.
Ein internationales Forschungsteam unter Federführung des LIB hat 14 bislang unbekannte Wespenarten aus Europa beschrieben und damit eindrucksvoll gezeigt, wie wenig wir selbst über die Biodiversität vor unserer eigenen Haustür wissen. Die neu entdeckten Arten gehören zur Familie der Ceraphronidae: winzige, kaum einen Millimeter große parasitoide Wespen, die als Larve von einem Wirtsorganismus leben und diesen letztlich töten. Sie gelten als sogenanntes „Dark Taxon“: Sie sind sehr individuen- und artenreich und ökologisch bedeutsam, doch viele ihrer Arten sind bislang unentdeckt und liegen noch völlig im Dunkeln.
Im Fokus der Studie stand eine neu definierte Artengruppe innerhalb der Gattung Aphanogmus, die sogenannte Aphanogmus fumipennis-Artengruppe. Insgesamt untersuchten die Forschenden 257 Individuen aus acht Ländern der West-Paläarktis, also Europa einschließlich des Kaukasus. Mithilfe eines integrativen Ansatzes, der morphologische Merkmale (insbesondere die Form männlicher Genitalien) mit genetischen Daten kombiniert, konnten sie 23 neue Arten unterscheiden. 14 davon sind neu für die Wissenschaft beschrieben.
Deutschland unzureichend erforscht
Besonders bemerkenswert sind die Ergebnisse für Deutschland: Zehn der neu beschriebenen Arten wurden auch in Deutschland nachgewiesen, wodurch sich die bislang bekannte Artenzahl nahezu verdoppelt, von 12 auf 22 Arten.
„Zu den untersuchten Tieren zählen auch Exemplare aus dem NaPa-Projekt (Naturpositive Landwirtschaft) des LIB, aus dem Garten des Museum Koenig in Bonn sowie aus einem privaten Garten. Die Ergebnisse zeigen: Selbst in vermeintlich gut untersuchten Regionen verbirgt sich noch eine enorme, bislang unentdeckte Biodiversität“, erklärt der Erstautor der Studie Tobias Salden, Doktorand am LIB in Bonn.
Aktuelle Hochrechnungen von Forschenden aus Stuttgart legen nahe, dass diese 22 bekannten Arten weniger als zehn Prozent der tatsächlich in Deutschland vorkommenden Ceraphronidae darstellen könnten. Mit anderen Worten: Der Großteil dieser winzigen Wespen direkt vor unserer Haustür bleibt nach wie vor unbekannt.
Hotspot Georgien: Erst der Anfang
Ein weiterer Schwerpunkt der Studie lag auf Georgien, wo im Rahmen des CaBOL-Projekts (Caucasus Barcode of Life) des LIB gezielt Tiere gesammelt wurden. Allein hier wurden 11 der neuen Arten entdeckt. Die Gesamtzahl bekannter Arten der entsprechenden Überfamilie Ceraphronoidea im Land steigt damit von drei auf 14.
„Doch auch diese Zahl spiegelt nur einen Bruchteil der tatsächlichen Vielfalt wider: Unveröffentlichte Ergebnisse zeigen, dass in Georgien mindestens 20-mal so viele Arten vorkommen“, betont Tobias Salden.
Erste größere wissenschaftliche Bearbeitung seit Jahrzehnten
Die Studie zeigt zudem, dass dem Mangel an Fachleuten für besonders diverse Organismengruppen entgegengewirkt werden kann. Erstmals existiert nun auch in Deutschland Expertise zu den Ceraphroniden. Die letzte Veröffentlichung, in der mehrere paläarktische Arten der Gattung Aphanogmus beschrieben wurden, liegt mehr als sechs Jahrzehnte zurück.
Die neuen Ergebnisse unterstreichen die zentrale Bedeutung moderner Biodiversitätsentdeckung, bei der integrative Ansätze, Morphologie und Molekulardaten miteinander kombiniert werden.
Kleine Wespen, große Bedeutung
Parasitoide Wespen spielen eine essenzielle Rolle in nahezu allen terrestrischen Ökosystemen, etwa bei der Regulation von Insektenpopulationen. Die Erforschung ihres verborgenen Artenreichtums ist daher entscheidend für das Verständnis ihrer Rolle in natürlichen und vom Menschen stark geprägten Ökosystemen. Gleichzeitig repräsentieren sie einen erheblichen Teil der Biodiversität, der bislang in Monitoring und Naturschutz nicht erfasst wird, insbesondere angesichts des gegenwärtigen massiven Insektenrückgangs.
Die aktuelle Studie macht deutlich: Die Erforschung der Biodiversität vor unserer eigenen Haustür ist längst nicht abgeschlossen.
Publikation
Salden T, Mikó I, Staverløkk A, Moser M, Vasilița C, van de Kamp T, Vogel J, Podsiadlowski L, Hein N, Japoshvili G, Peters RS (2026) Known unknowns at our doorstep: Description of 14 Western Palaearctic species within the newly defined Aphanogmus fumipennis species group (Hymenoptera, Ceraphronoidea, Ceraphronidae). Journal of Hymenoptera Research 99: 125-214. https://doi.org/10.3897/jhr.99.178410
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