Gesichter des LIB: Christoph Scherber

„Das Artensterben muss mindestens genauso hoch auf die Agenda wie der Klimawandel.“

Prof. Dr. Christoph Scherber leitet das Zentrum für Biodiversitätsmonitoring und Naturschutzforschung am LIB. © Scherber

 

Wenn Christoph Scherber seine Arbeit erklärt, greift er schon mal in die Schokoladentüte. Denn die Qualität der dunklen Köstlichkeit hängt ganz wesentlich von der Vielfalt an bestäubenden Insekten ab. Ökologie und Landwirtschaft gehören für den Forscher unmittelbar zusammen. Der Leiter des Zentrums für Biodiversitätsmonitoring und Naturschutzforschung am LIB entwickelt Strategien für eine biodiverse Zukunft.

Was treibt Sie als Forschender an?

Ich bin im Voralpenland aufgewachsen und schon als Kind in einsamen Mooren und bunten Bergwiesen unterwegs gewesen. Meine Eltern hatten ein Wochenendhäuschen in einem großen Garten gemietet. Dort gab es Orchideen, alte Obstbäume, einen großen Teich und jede Menge Regentonnen zum Fangen und Züchten von Mückenlarven, Kaulquappen und Libellenlarven. Ich hatte außerdem alle möglichen Experimentierkästen und zu Hause gab ich Führungen durch meine Natur-Sammlung für 20 Pfennige. Die Begeisterung für die Natur war schon immer da, so lange ich zurückdenken kann.

Was hat Sie zur Biologie geführt?

Wirklich ernst wurde es, als ich an einem Zeichenkurs im Botanischen Garten München teilnahm – zufällig landete ich vor den Außenvitrinen mit fleischfressenden Pflanzen. Die Beschäftigung mit diesen „Meisterwerken der Evolution“ hat mich dann erst in die Moorkunde und Botanik, später dann zur Ökologie und Biodiversitätsforschung geführt.

Was sind die Highlights Ihres Berufsalltags?

Ich freue mich, immer wieder neue Ideen und Forschungsansätze verwirklichen und mit spannenden Leuten zusammenarbeiten zu können – von der Gärtnerin über den Landwirt bis zur Professorin.

Was bedeutet Natur für Sie persönlich? Gibt es einen Lieblingsort in der Natur?

Meinen Lieblingsort darf ich nicht verraten – nur so viel, es ist ein wunderschöner tiefschwarzer Moorsee, ein Ruhepol in der Zeit.

Krebse, Fische, Schmetterlinge: Wer hat ihre ganz persönliche Zuneigung und wieso?

Ich würde sagen: der tropische Regenwald. Wer ihn einmal betreten hat, den lässt er nicht mehr los. Man fühlt sich voll und ganz von der Natur umgeben und „unterhalten“ und merkt, wie klein wir als Menschen doch sind auf diesem Planeten.

Wie erklären Sie Kindern den Begriff Biodiversität?

Die Vielfalt in allen Ecken und Enden. Ich nehme immer gerne eine Kaffee- oder Kakaotasse als Vorbild und zeige dann, dass man besseren Kakao oder Kaffee ernten kann, wenn viele Bestäuber-Arten dagewesen sind. Auch die Erdbeeren schmecken besser und halten sich länger, wenn sie von vielen Bienenarten bestäubt worden sind.

Was sollen die Menschen in zehn Jahren mit dem LIB assoziieren?

Die Menschen sollen es genauso gut kennen wie manches Max-Planck-Institut – und sie sollen damit assoziieren, dass dort nicht nur die Biodiversität erforscht wird, sondern auch Strategien für eine bio-diverse Zukunft entwickelt werden.

Was ist für Sie die größte Herausforderung auf dem Gebiet des Umweltschutzes?

Das Artensterben muss mindestens genauso hoch auf die Agenda wie der Klimawandel. Dieses Bewusstsein ist nach wie vor nur rudimentär in der Öffentlichkeit vorhanden.

Was wären Sie geworden, wenn es mit der Biologie nicht funktioniert hätte?

Dann wäre ich entweder Autor von Phantasie-Erzählungen und Kinderbüchern geworden – oder Rockmusiker.

Was raten Sie jungen Biologen am Beginn ihrer Berufslaufbahn?

Lasst Euch von Eurem Herzen leiten – und lernt von den besten Forschenden der Welt. Traut euch, ins Ausland zu gehen, um die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Welcher Teilbereich am LIB liegt Ihnen persönlich besonders am Herzen?

Ich möchte, dass alle Bereiche gemeinsam ihre Stärken ausbauen und gut zusammenarbeiten, um die Welt ein Stückchen besser zu machen.

 

Prof. Dr. Christoph Scherber studierte in Regensburg und Rostock und schrieb seine Diplomarbeit am Imperial College London in England über die Ökologie einer eingeschleppten Pflanzenart. Er promovierte an der Universität Jena im Fachgebiet Ökologie über den Zusammenhang zwischen Herbivorie und Biodiversität und habilitierte sich an der Universität Göttingen im Fach Ökologie an der Agrarwissenschaftlichen Fakultät. Von 2015 bis 2020 war er Professor für Tierökologie am Fachbereich Geowissenschaften der Uni Münster. Im Herbst 2020 wurde er auf die Professur für Biodiversitätsmonitoring an der Uni Bonn berufen und leitet das Zentrum für Biodiversitätsmonitoring und Naturschutzforschung am LIB.

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