Gesichter des LIB: Jeanne Agrippine Yetchom Fondjo

„Das Wissen und die Bewahrung der Natur geht alle an. Deshalb sollten sich Frauen in der Forschung stärker engagieren.“

Von Kamerun nach Hamburg: Humboldtstipendiatin Jeanne Agrippine Yetchom Fondjo untersucht derzeit am LIB die Biodiversität und Artabgrenzung von Heuschrecken aus Kamerun. Foto: LIB, Jeanne Yetchom

 

Schon als Kind hat sich Jeanne Agrippine Yetchom Fondjo gefragt, warum sich mache Tiere ökologische Nischen suchen. Mittlerweile ist die Humboldtstipendiatin Expertin für Heuschreckenarten aus Kamerun. Bis zum Frühjahr 2024 forscht sie in der Entomologie des LIB in Hamburg an Heuschrecken aus den tropischen Feuchtwäldern ihrer afrikanischen Heimat.

Was treibt Sie als Forscherin an? Warum widmen Sie Ihr Leben der Natur?

Als ich ein Kind war, verbrachte ich meine Ferien auf dem Dorf. Dort war mein Großvater einer der bekanntesten Züchter für Geflügel, Ziegen und Schafe. Wenn ich abends nach Hause kam, ging jede Ziege in ihren eigenen Stall. Daraufhin fragte ich mich: Wie ist das möglich? Wie sind sie organisiert? Wie leben sie? So fing ich mich an für die Natur zu interessieren. Ich habe mein Leben der Natur gewidmet, weil die Natur die Essenz des Lebens ist und daher ein besonderes Interesse verdient. Außerdem habe ich festgestellt, dass in meinem Heimatland nur sehr wenige Frauen in diesem Bereich tätig sind, was ein Unding ist. Das Wissen und die Bewahrung der Natur geht alle an, deshalb sollten sich Frauen in der Forschung stärker engagieren.

Wie sind Sie zur Biologie gekommen?

Ich würde sagen, es ist meine Liebe zur Natur. Es ist auch die Neugier, bestimmte Phänomene in der Natur zu verstehen, wie zum Beispiel die Nischentrennung bei Tieren. Ich war schon immer daran interessiert zu verstehen, was bestimmte Tiere dazu veranlasst, eine bestimmte Umgebung gegenüber einer anderen zu bevorzugen. Ich möchte verstehen, warum manche Tiere überall und andere nur schwer zu finden sind.

Welcher Aspekt Ihres täglichen Arbeitslebens ist Ihr Highlight?

Ich würde sagen, die Verwirklichung und der Austausch neuer Ideen, sowohl mit Kolleginnen und Kollegen am LIB als auch mit Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt, mit unterschiedlichem sozialen Hintergrund und aus diversen Kulturen.

Worauf konzentrieren Sie sich in Ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Was ist der Fokus Ihres Stipendiums?

Während meiner Doktorarbeit habe ich mich mehr auf morphologische Aspekte konzentriert. Aber wegen der so genannten „kryptische Arten“, die sich morphologisch ähneln, ist die Abgrenzung der Arten mit dieser Methode allein sehr schwierig. In Anbetracht der kryptischen Vielfalt innerhalb mehrerer Heuschreckengruppen verfolge ich am LIB einen integrativen Ansatz, der sowohl die Morphologie als auch genetische Analysen kombiniert. So kann ich besser zu einem besseren Verständnis der Systematik der Heuschrecken aus dem Feuchtwald Kameruns beitragen, diesen Hotspot der Biodiversität besser verstehen und Prioritäten bei den Erhaltungsmaßnahmen setzen. In meinem Stipendium untersuche ich am LIB die Biodiversität und die Artabgrenzung von Heuschrecken aus Kamerun mit einem integrativen taxonomischen Ansatz, der sich aus intensiven Feldbeprobungen, Museumsstudien, klassischen morphologischen Arbeiten und genetischen Analysen mit klassischer Barcoding- und Multigen-Technik zusammensetzt.

Welche Bedeutung hat die Natur für Sie persönlich?

Die Natur ist der Schlüssel zum Leben auf der Erde. Wenn sich niemand um sie kümmert, laufen wir Gefahr, dass sie und mit ihr alle Organismen verschwinden. Es ist daher unerlässlich, sie zu erhalten. Für mich ist der Wald eine der eindrucksvollsten Umgebungen in der Natur. Denn in den Tropen, wo ich herkomme, gibt es hier eine beeindruckende Artenvielfalt vor allem der wirbellosen Fauna. Sie ist eine der wesentlichen Komponenten für das Funktionieren der Waldökosysteme.

Krebse, Fische, Schmetterlinge: Welches Tier fasziniert Sie?

Ich habe mich lange für die Zucht von Fruchtfliegen und Raupen interessiert, allerdings mit dem Ziel, meine Insektensammlung aufzubauen. Am meisten fasziniert bin ich von Grashüpfern.

Wie erklären Sie den Begriff Biodiversität, insbesondere auch in Bezug auf Ihr Heimatland?

Der Begriff Biodiversität bezieht sich auf die Vielfalt des Lebens auf der Erde auf allen Ebenen, von den Genen bis zu den Ökosystemen, einschließlich Pflanzen, Tieren, Bakterien und Pilzen. Kamerun ist ein Hotspot für die biologische Vielfalt von Pflanzen und Tieren. Sie sind jedoch noch zu wenig erforscht und verdienen besondere Aufmerksamkeit, insbesondere mit Blick auf die globalen Veränderungen und den Verlust der Waldflächen.

Worin sehen Sie die größte Herausforderung im Bereich des Umweltschutzes?

Meiner Meinung nach sind der globale Wandel und das Artensterben aufgrund des zunehmenden Verlusts natürlicher Ökosysteme die größten Herausforderungen für den Umweltschutz.

Dr. Jeanne Agrippine Yetchom Fondjo ist spezialisiert auf Taxonomie, Biodiversitätserhaltung und Evolutionsbiologie und ist eine der aktuellen Expertinnen für Orthopteren in Kamerun. Seit 2014 arbeitet sie an der Ökologie, Taxonomie und Erhaltung von Heuschrecken aus Kamerun, ihrem Heimatland. Im Jahr 2020 promovierte sie an der Universität Douala (Kamerun) über die Ökologie und Taxonomie von Acridomorpha aus den immergrünen Küstenwaldzonen Kameruns. Sie erhielt 2016 das OWSD-PhD-Stipendium (Organization for Women in Science for the Developing World) und nahm 2018 ein Sandwitch-Stipendienprogramm am College of Life Science, Shaanxi Normal University, Xi’an (China) auf. Yetchom Fondjo erhielt außerdem 2021 ein Stipendium des Mohamed Bin Zayed Conservation Fund (MBZ). Im Oktober 2021 erhielt sie das Georg-Forster-Postdoc-Forschungsstipendium der Alexander-von-Humboldt-Stiftung.

Verwandte Artikel

  • Gesichter des LIB, LIB

    Gesichter des LIB: Benjamin Wipfler

    Der Leiter des Morphologielabors in Bonn möchte die faszinierenden Möglichkeiten der morphologischen Methoden sichtbarer zu machen.

    Mehr erfahren
  • Gesichter des LIB, LIB

    Gesichter des LIB: Karen Meusemann

    Als Forschungsreferentin ist sie derzeit eine Schnitt- und Vernetzungsstelle zwischen den verschiedenen Bereichen am LIB.

    Mehr erfahren
  • © Marjan Seyedi
    Gesichter des LIB, LIB

    Gesichter des LIB: Martin Husemann

    Kulinarisch gibt er sich experimentierfreudig, wissenschaftlich ist er auf Ödlandschrecken spezialisiert.

    Mehr erfahren