Die Auswirkungen des Tiefseebergbaus sind unvorhersehbar

Hier werden Sedimentsproben aus der Tiefsee geholt, um sie anschließend analysieren zu können. © LIB, Mercado

 

Bizarr aussehende Lebewesen tummeln sich im diffusen Licht in 200 Metern Meerestiefe und darunter. Dabei wissen wir fast nichts über das Leben in der Tiefsee, unserem größten Ökosystem. Was wir aber wissen: Der Meeresboden beherbergt wertvolle Mineralien und seltene Erden, die zum Beispiel für die Herstellung von Batterien verwendet werden. Ganze Felder von Manganknollen könnten kommerziell abgebaut werden. Ob diese akute Gefahr für das Ökosystem abgewendet werden kann, könnte Anfang Juli auf politischer Ebene entschieden werden. Dr. Nancy Mercado Salas, Tiefseekrebs-Expertin am LIB, über ihre Forschung und die Gefahren des Tiefseebergbaus:

Wie könnten sich Tiefseebergbau und der Abbau von Manganknollen auf das Ökosystem auswirken?

Es gibt so wenig Wissen über dieses Ökosystem, dass wir wirklich schlecht voraussagen können, was passieren wird, wenn der kommerzielle Abbau von Manganknollen in der Tiefsee erlaubt wird. Wir wissen nicht, welche Auswirkungen der Abbau von Manganknollen haben wird, aber wir wissen, dass viele Arten auf solche Strukturen angewiesen sind, weil sie als Lebensraum genutzt werden. Die Abbaugeräte sind mehr oder weniger mit einem Staubsauger vergleichbar. Sie sind so konzipiert, dass sie die Knollen vom Meeresboden aufsaugen. Zusammen mit den Knollen werden jedoch auch die mit den Knollen verbundenen Sedimente aufgesammelt. Ein ganz besonderer Lebensraum, in dem Tausende von Tieren leben, ist gerade die obere Schicht des Sediments am Meeresboden. Diese Schicht wird durch den Abbauvorgang akut bedroht. Außerdem sind die Maschinen schwer, und der Boden der Tiefsee ist sehr flockig, so dass das Sediment verdichtet wird und mehrere dort lebende Tiere dadurch Schaden nehmen könnten. Derzeit arbeiten Forschende aus der ganzen Welt daran, die Lebensgemeinschaften in diesem besonderen Lebensraum kennenzulernen, um die biologische Vielfalt und die Umweltkosten, die der Tiefseebergbau verursachen wird, besser einschätzen zu können.

Könnten sich die Auswirkungen auf die lokale Ebene beschränken?

Einige Modelle sagen voraus, dass der Bergbau lokale Auswirkungen haben wird. Dabei müssen jedoch viele Aspekte berücksichtigt werden. Zum Beispiel gibt es ganz direkte Auswirkungen wie die Entfernung von Knollen und Sedimenten, aber es gibt auch andere indirekte Auswirkungen. So wird durch die Entfernung der Knollen eine Sedimentwolke erzeugt, und die Wasserströmungen transportieren die Sedimente in andere Gebiete, wo andere Tiere wie Filtrierer betroffen sind. Außerdem verursachen die Schiffe und Pipelines, die die Knollen und Sedimente abtransportieren, Lärm und einen Anstieg der Wassertemperatur, was sich unter anderem auf Planktongemeinschaften und Fische auswirken kann.

Was geschieht derzeit?

Es ist komplexer, als wir uns vorstellen können: Zum Beispiel sind Gebiete in Küstennähe gesetzlich gut aufgestellt, weil sie einem bestimmten Land gehören. Die Gebiete jenseits der ausschließlichen Wirtschaftszonen – wie die Tiefsee – werden jedoch als Ressource betrachtet, die allen Menschen gehört, und es ist schwierig, Vereinbarungen darüber zu treffen, wie diese genutzt werden sollen. Bislang erlaubt die Gesetzgebung nur die Erkundung mittels Lizenzgebieten. Das bedeutet, dass Länder ein Lizenzgebiet beantragen können, und wenn sie ein solches Gebiet erhalten haben, können sie die Ressourcen wie etwa vorhandene Mineralien oder die biologische Vielfalt ohne wirtschaftlichen Nutzen erforschen. Derzeit arbeiten mehrere Forschungsteams zusammen, um eine Bewertung der biologischen Vielfalt vorzunehmen, um ein besseres Bild davon zu erhalten, wie viele Arten in diesem besonderen Ökosystem leben und davon abhängig sind. Im Hinblick auf den Bergbau müssen wir Vorhersagen treffen, wie viele Arten verloren gehen würden. Ein weiterer wichtiger Schritt wäre, der bereits diskutiert wurde, Meeresschutzgebiete einzurichten.

Was wissen wir überhaupt über die Tiefsee?

Wir wissen sehr wenig über die Tiefsee. Einige sagen sogar, dass wir mehr über den Mond wissen. Etwa 95 Prozent der Erkenntnisse, die aus der Tiefsee gewonnen werden, sind der Wissenschaft neu. Wir wissen also nichts. Es gibt viele Arten zu beschreiben, eine große Vielfalt in vielerlei Hinsicht, morphologische Merkmale, die man noch nie gesehen hat, verschiedene Funktionen der Tiere und auch verschiedene Lebensräume, die es zu erforschen gilt. Im Jahr 2018 haben wir eine Expedition zur Bewertung der Biodiversität durchgeführt – in einem kleinen Gebiet, das etwa 300 Quadratmeter groß ist, und nur dort, haben wir mehr als 400 Arten von Copepoden gefunden. Wir konnten all diese Arten mit genetischen Methoden wie Barcoding untersuchen, aber wir haben uns auch die Morphologie der verschiedenen Tiere angesehen. Tatsächlich konnten wir von allen untersuchten Tieren nur eine bereits beschriebene Art zuordnen; bei den übrigen handelt es sich wahrscheinlich um ganz neue Arten. In diesem Fall haben wir nur die Ruderfußkrebse untersucht, aber das gilt für natürlich auch für viele weitere Tiergruppen. Es gibt Gebiete, die noch nie erforscht wurden, daher gibt es in dieser Hinsicht noch viel zu tun.

Wie kommt es, dass die Tiefsee so wenig erforscht ist?

Ein Grund dafür ist, dass die Erforschung der Tiefsee sehr aufwändig und dadurch auch sehr teuer ist. Dieser Ort ist nur schwer zugänglich: Man braucht sehr unterschiedliche Fachkenntnisse bei den Expeditionsleitenden und den Forschenden, die an den Expeditionen teilnehmen. Nur das Erreichen mancher Gebiete kann mehrere Tage dauern. Außerdem braucht man eine ganz besondere Ausrüstung, um Proben nehmen zu können, und eine erfahrene Mannschaft, die hilft, das Beste aus jeder Expedition zu machen.

Wie sieht das Ökosystem dort unten aus?

Was die in den Sedimenten lebenden Tiere betrifft, so weisen die ersten fünf Zentimeter eine große Artenvielfalt auf. Wir versuchen, ihre Rolle im Ökosystem zu verstehen. Nematoden und Copepoden sind die beiden Gruppen, die 95 Prozent der meiobenthischen Gemeinschaften in der Tiefsee ausmachen. Sie leben im Sediment oder schwimmen in der Nähe des Sediments. Ein weiteres interessantes Merkmal ist, dass die in den Tiefseesedimenten lebenden Arten bei vielen Wirbellosengruppen auch als die ältesten ihrer Gruppen gelten. Wenn wir also die Evolution einer bestimmten Gruppe – wie den Copepoden – verstehen wollen, sollten wir diese Arten in unsere Analyse einbeziehen. Wenn wir das tun, können wir besser verstehen, wie sich alle Veränderungen im Laufe der Evolutionsgeschichte einer Gruppe vollzogen haben: Warum ein Tier, das im Sediment lebte, einen weiteren evolutionären Schritt machen musste oder sich beispielsweise zu einem Parasiten entwickelt hat.

Wie können Sie als Wissenschaftlerin des LIB dazu beitragen, das Ökosystem zu schützen?

Im Allgemeinen und in der wissenschaftlichen Gemeinschaft versuchen wir, die Vielfalt und Funktion der Ökosysteme und der verschiedenen Tiergruppen zu verstehen sowie zu beschreiben. Wir wollen mehr Daten zur Verfügung stellen, damit die Entscheidungstragenden besser informiert sind und hoffentlich die richtigen Entscheidungen treffen, die den Erhalt der Vielfalt sicherstellt.

Dr. Nancy Mercado Salas ist seit dem 1. August 2021 als Kuratorin der Krustentiersammlung am LIB tätig. Zuvor arbeitete sie bei Senckenberg am Meer (DZMB) sechs Jahre lang an Projekten zur Beschreibung der Krustentiervielfalt und ihrer Besiedlungsprozesse im Meiobenthos. Später arbeitete sie an der Analyse der Diversität von Tiefseekrebsen, die in vom Tiefseebergbau bedrohten Gebieten wie der Clarion-Clipperton-Bruchzone leben.

Nancy Mercado Salas überwacht die Bergung der Sedimentsproben auf dem Forschungsschiff:

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