Gesichter des LIB: Nancy Mercado Salas

„Für mich war die Natur schon immer ein Ort,
an dem ich Glück und Trost fand.“

                                                   Nancy Mercado Salas ist Kuratorin für Krebstiere am LIB in Hamburg. © Mercado-Salas

 

Manche sehen aus wie winzige Bälle, andere wie Außerirdische. Ruderfußkrebse (Copepoden) sind in ihrer Diversität für Nancy Mercado Salas unendlich faszinierend. Die Kuratorin für Krebstiere am LIB in Hamburg hat die Erforschung der winzigen Tiere zu ihrer Lebensaufgabe gemacht – nicht zuletzt, weil sie die Bedeutung ihrer Arbeit für die ganze Gesellschaft sieht. Als eine Mischung aus Leidenschaft, Abenteuer, Respekt und harter Arbeit beschreib sie ihren Einsatz für den Erhalt der Natur.

Was treibt Sie als Forscherin an? Was bedeutet die Natur für Sie?

Das erste Wort, das mir in den Sinn kommt, ist Neugier. Ich interessiere mich dafür, wie vielfältig die Krebstiere sind, aber auch, welche evolutionären Prozesse sie durchlaufen haben, um eine so außergewöhnliche Vielfalt an Formen und Lebensweisen zu haben und so viele Lebensräume bewohnen können.

Für mich war die Natur schon immer ein Ort, an dem ich Glück und Trost fand.  Als Kind verbrachten wir den größten Teil unserer Freizeit als Familie draußen, wir erkundeten, welche Tiere in den verschiedenen Teilen der Bäche lebten, kletterten auf Bäume und machten in der Nähe unseres Heimatortes lange Spaziergänge im Wald. Schon bald interessierte ich mich für die Meereswelt, vor allem wenn ich Wale beobachtete, und wollte mehr darüber erfahren. Im Alter von zehn Jahren wollte ich Biologie studieren, aber ich sah mich damals nicht als Forscherin. Ich sah das Abenteuer.

Wie würden Sie ihren Forschungsschwerpunkt beschreiben?

Ich untersuche die Vielfalt der Krustentiere und ihre Evolutionsgeschichte. Ich interessiere mich für bestimmte Lebensräume, die „lebende Laboratorien“ darstellen, in denen wir eine Vielzahl von Fragen im Zusammenhang mit Artbildung, Biogeografie, Populationsgenetik und Evolution untersuchen können.

Aus diesem Grund hat Ihre Forschung Auswirkungen auf die Gesellschaft:

Meine Forschung dient der Gewinnung grundlegender Erkenntnisse über die Vielfalt der Krebstiere und darüber, wie sich diese Vielfalt im Laufe von Zeit und Raum verändert hat. Mit der Analyse der biologischen Vielfalt kann ich darlegen, wie die Natur durch menschliche Aktivitäten beeinflusst wird. Ich kann zeigen, wie das Wissen, das wir in unseren Projekten gewinnen, genutzt werden kann, um bessere Entscheidungen zum Naturschutz zu treffen oder bessere gesetzliche Grundlagen zu schaffen. Am Ende geht es darum, den Verlust der biologischen Vielfalt zu vermeiden oder verringern.

Welcher Aspekt Ihrer täglichen Arbeit ist Ihr Highlight?

Jedes Mal, wenn ich die Tür zur Sammlung öffne, fühle ich mich privilegiert. Die Sammlung ist etwas ganz Besonderes und spiegelt die Arbeit und das Engagement vieler Menschen wider; sie ermöglicht eine Reise in verschiedene Zeiten und an verschiedene Orte. Ich finde es auch absolut erstaunlich, Arten zu sehen, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich sie sehen kann. Es sind Arten, die wir aus dem Buch kennen, die man aber plötzlich aufgrund der Sammlungen oder neuer Expeditionen direkt vor Augen hat. Das ist einfach faszinierend.

Krebse, Fische, Schmetterlinge: Wer hat Ihre persönliche Zuneigung und warum?

Ich bin extrem interessiert an Ruderfußkrebsen. Copepoden sind in den Ökosystemen, in denen sie leben, sehr wichtig. Wenn man sie aus einer evolutionären Perspektive betrachtet, wenn man schaut, wie sie in so viele verschiedene Lebensräume eingedrungen sind, wie vielseitig sie sind – dann sind sie einfach unglaublich. Es gibt sie in so zahlreichen unterschiedlichen Formen, sie haben diverse Lebensweisen, manche sehen aus wie winzige Bälle, andere wie Außerirdische. Copepoden haben im Laufe ihrer Evolution so viele Veränderungen durchgemacht, und das spiegelt sich in ihrer Vielfalt wider.

Was wünschen Sie sich – was sollen die Menschen in zehn Jahren mit dem LIB assoziieren?

Ich würde das LIB gerne als einen Ort sehen, an dem jeder Zugang zu Wissen hat, an dem man lernen und sich informieren kann. Außerdem sollte es ein Forum sein, in dem man ein Bewusstsein für die biologische Vielfalt in der Welt schaffen kann.

Was ist Ihrer Meinung nach die größte Herausforderung im Umweltschutz?

Der Klimawandel und der Verlust von Lebensräumen; wir haben in den letzten Jahren Veränderungen erlebt und sind noch immer weit davon entfernt, eine gute Gesetzgebung zu haben, die es uns ermöglicht, die verschiedenen Ökosysteme der Erde zu schützen. Da ich aus einem Entwicklungsland komme, denke ich, dass auch die soziale Ungerechtigkeit eine große Rolle beim Umweltschutz spielt. Ich habe zum Beispiel gesehen, wie riesige Flächen tropischer Wälder in Mexiko den Menschen weggenommen wurden, um sie für die Anlage von Palmölplantagen zu nutzen; oder Mangrovengebiete, die abgebrannt wurden, um sie für den Bau riesiger Hotels an der Karibikküste zu roden, was eine Änderung der Landnutzung bedeutet. Als Gesellschaft verfügen wir zwar über viele Informationen, aber ich glaube nicht, dass wir uns vollständig bewusst sind, welche Anstrengungen wir unternehmen müssen, um die Vielfalt auf der Erde zu bewahren. Hier haben wir noch viel zu tun.

Welchen Rat haben Sie für junge Biologen, die ihre Karriere beginnen?

Nicht aufgeben! Ihr müsst an eure Leidenschaft glauben und ihr folgen, so viele Fragen wie möglich stellen und alle Gelegenheiten wahrnehmen, die sich euch bieten. Ich denke, die neuen Generationen müssen wieder lernen, geduldig zu sein. Unsere Gesellschaft ist daran gewöhnt, sofort Resultaten zu liefern. Das hingegen ist in der Wissenschaft bei weitem nicht die Realität. Meistens braucht man Zeit, um Ergebnisse zu erzielen. Wir müssen auch mit Misserfolgen fertig werden und bei wieder Null anfangen, um zum Ziel zu kommen. Ich sage: betrachtet Misserfolge als Erfahrung. Seien Sie geduldig und arbeiten Sie hart, am Ende wird es sich lohnen. Ich denke, als Biologen haben wir großes Glück, denn wir können Orte besuchen und viele Tiere beobachten, die nur wenige Menschen zuvor gesehen haben. Außerdem lernen wir Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund und unterschiedlicher Kultur kennen.

 

Nancy Mercado Salas ist seit dem 1. August 2021 als Kuratorin der Krustentiersammlung des LIB beschäftigt. Sie wurde 1984 in Aguascalientes, Mexiko, geboren. An der Universität von Aguascalientes studierte sie allgemeine Biologie. Hier begann sie, kleine Krebstiere zu untersuchen, die in Süßgewässern in ariden Gebieten Mexikos leben. Später zog sie in den Süden Mexikos (Chetumal), um am Forschungsinstitut El Colegio de la Frontera Sur (ECOSUR) ihren Master zu machen und zu promovieren. Während ihres Master- und Promotionsstudiums vertiefte sie nicht nur ihre Leidenschaft für die Vielfalt der Krebstiere, sondern auch für naturkundliche Sammlungen, die sie bei Kurzaufenthalten in Europa, den USA und Mexiko kennen lernte. Nach Abschluss ihrer Promotion ging sie 2014 als Postdoc nach Deutschland zu Senckenberg am Meer (DZMB), wo sie sechs Jahre lang an Projekten zur Beschreibung der Krustentiervielfalt und ihrer Besiedlungsprozesse in Kleinstgewässern arbeitete. Später beschäftigte sie sich mit der Analyse der Vielfalt von Tiefseekrebstieren, die in vom Tiefseebergbau gefährdeten Gebieten wie der Clarion-Clipperton-Bruchzone leben. Im Jahr 2020 übernahm sie die Stelle als Kuratorin der Crustacea-Sammlung am Centrum für Naturkunde (CeNak) an der Universität Hamburg.

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