Fossile Käferart beschrieben, die erstaunliche Körpermerkmale aufweist

Ein in Bernstein eingeschlossener Käfer, der von Dagmara Żyła untersucht wurde. © LIB, Żyła

 

Die neue Art Midinudon juvenis ist nicht nur kleiner als heutige Kurzflügler (Staphylinidae), sondern verfügt auch über Merkmale, die normalerweise nur in ihren Larvenstadien zu beobachten waren. Doch wieso unterscheidet sich diese Art so stark von den heute lebenden Arten? Waren es Umwelteinflüsse, die ihre Entwicklung bis heute beeinflussten? In einer aktuellen Studie suchen Forschende um LIB-Käferexpertin Dagmara Żyła nach Antworten und beschreiben die neue Art aus dem kreidezeitlichen Bernstein.

Es handelt sich um den ältesten Fall von Paedomorphose bei adulten Kurzflüglern, der in der Fachwelt bekannt ist. Das bedeutet, dass die Forschenden bei der neu beschriebenen Art Merkmale entdeckten, die wir heutzutage lediglich bei den Larven der Käfer finden. Aufgrund der ungewöhnlichen Kombination morphologischer Merkmale bei Midinudon juvenis vermuten die Autorinnen und Autoren, dass die Art von mehreren evolutionären Prozessen betroffen war, die zu einer Größenreduzierung sowie zur Ausbildung von paedomorphen Merkmalen am Kopf führten: Eine Y-förmige Naht, die bei anderen Arten von adulten Kurzflüglern fehlt.

Die Autorinnen und Autoren vermuten, dass verschiedene evolutionäre Prozesse, beispielsweise die Paläo-Umweltbedingungen, die Größe des Insekts beeinflusst haben könnten. „Einige fossile Kurzflügler, die uns bekannt sind, sind nicht deutlich kleiner als ihre rezenten Verwandten. Es ist möglich, dass die Verkleinerung innerhalb der Linie für das Überleben unter den damaligen Umweltfaktoren notwendig war. Um diese These genauer zu prüfen, müssten wir allerdings weitere Untersuchungen durchführen“, sagt Dr. Dagmara Żyła, Leiterin der Sektion Coleoptera (Käfer). Einige Bernsteininsekten aus Birma seien viel kleiner als ihre rezenten Verwandten, nicht nur bei Käfern, sondern auch bei anderen Ordnungen wie Hautflüglern, Netzflüglern und Wanzen. Höhere Temperaturen in der Mittelkreidezeit könnten die Größe der Insekten beeinflusst haben.

Zudem wägen die Verfasserinnen und Verfasser der Studie ab, ob die verkleinerte Größe einiger fossiler Käferarten spezifisch auf ihre Linie zurückzuführen oder eher ein allgemeiner Prozess ist, der die gesamte Fauna betrifft. Es sei unklar, welche Faktoren diese Verkleinerung bei Käfern in der Kreidezeit ausgelöst haben könnten. Obwohl ihre kleinere Größe gewisse Einschränkungen mit sich bringt, bietet sie den Tieren auch die Möglichkeit neue ökologische Nischen zu erobern, sich an spezielle Ernährungsweisen anzupassen, Raubtieren auszuweichen oder sich sogar effektiver über den Globus auszubreiten.

Originalpublikation
Alexandra Tokareva, Katarzyna Koszela, Vinicius S. Ferreira, Shûhei Yamamoto & Dagmara Żyła: The oldest case of paedomorphosis in rove beetles and description of a new genus of Paederinae from Cretaceous amber (Coleoptera: Staphylinidae), Scientific Reports: https://www.nature.com/articles/s41598-023-32446-2 

Kontakt
Dr. Dagmara Żyła
Leitung Sektion Coleoptera, Abteilung Wirbellose
E-Mail: d.zyla@leibniz-lib.de

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