Unser Schatz des Monats: Wo überwinterte Alexander Koenigs Pirol?

Ein Blick in die Sammlungsschublade in der Ornithologie in Bonn. © Till Töpfer

 

Als der Bonner Museumsgründer Alexander Koenig in seinen Jugendjahren dieses Pirol-Weibchen sammelte, konnte er nicht ahnen, dass dieser Vogel einmal zur Rekonstruktion des Vogelzuges und der Klimageschichte Afrikas beitragen würde.

Der attraktive und melodisch flötende Pirol Oriolus oriolus ist ein wahres Kleinod unter den einheimischen Vögeln. Die meisten Arten der Pirol-Familie leben in den tropischen Wäldern Afrikas und Asiens, und auch unser Schatz wandert als Zugvogel alljährlich in das tropische Afrika. Wo genau sich dessen Überwinterungsgebiete befinden, ist bislang allerdings nur lückenhaft durch die wissenschaftliche Vogelberingung bekannt. Mithilfe moderner Stabile-Isotopen-Analysen, welche die Mengenverhältnisse der in den Federn der Vögel enthaltenen verschiedenen Formen ausgewählter chemischer Elemente untersuchen, konnten nun die Überwinterungsgebiete des Pirols geographisch genauer eingrenzt werden. Ein Team unter Beteiligung der Sektion Ornithologie des Bonner LIB-Standorts am Museum Koenig hat das herausgefunden.

„Wenn die Isotopenzusammensetzung eines Gebietes bekannt ist und wir wissen, zu welchem Zeitpunkt die Feder gewachsen ist, können wir Rückschlüsse auf den Aufenthaltsort der Vögel ziehen“, sagt Till Töpfer, der Sektionsleiter der Ornithologie in Bonn. Weil Pirole ihre Federn nur im afrikanischen Winterquartier wechseln, lassen sich diese Orte selbst dann noch bestimmen, wenn die Vögel längst wieder in ihren europäischen Brutgebieten zurück sind. Dafür reicht ein kleines Stück einer Flügelfeder. Und da die Isotopenverhältnisse in Federn über lange Zeiten unverändert erhalten bleiben, sind für die Analyse langfristiger Veränderungen die wissenschaftlichen Präparate-Sammlungen, wie jene des LIB, von besonderer Bedeutung.

Einer solchen Analyse wurde auch unser Schatz des Monats unterzogen. Es handelt sich um einen weiblichen Pirol, den der Bonner Museumsgründer Alexander Koenig im Juni 1877 als Gymnasiast im westfälischen Burgsteinfurt sammelte. Die aktuelle Studie zeigt nun, dass es zwei Gruppen von Pirolen gibt, die sich im Winter entweder im zentralen oder im südöstlichen Afrika aufhalten – und Alexander Koenigs Vogel überwinterte damals offenbar in Zentralafrika.

Durch den Einbezug von fast 90 historischen Präparaten, wovon mehr als die Hälfte aus der Vogelsammlung des Museums Koenig stammen, hat sich zudem herausgestellt, dass diese beiden Überwinterungsgebiete in den vergangenen 200 Jahren in Abhängigkeit von den Niederschlagsverhältnissen sehr unterschiedlich genutzt wurden. Da Pirole in Afrika auf feuchtwarme Überwinterungsgebiete angewiesen sind, verlagern sich diese entsprechend der großräumigen Niederschlagsveränderungen. Weil das auch unmittelbaren Einfluss auf die Zugstrecken hat, sind diese Erkenntnisse vor dem Hintergrund des aktuellen globalen Klimawandels von großer Bedeutung. Räumlich-zeitliche Verschiebungen der Niederschlagsverhältnisse verlangen nämlich nicht nur Pirolen, sondern auch anderen Vogelarten eine große Flexibilität und Mobilität während des Vogelzuges ab. Sie haben dadurch auch Einfluss auf die Fitness der Vögel und können somit auch langfristige Bestandsveränderungen beeinflussen.

Unser Schatz des Monats: Das von Alexander Koenig 1877 gesammelte Pirol-Weibchen. © Till Töpfer

 

Mehr Informationen:
Milano, S., S. Frahnert, A. Hallau, T. Töpfer, F. Woog & C.C. Voigt (2021): Isotope record tracks changes in historical wintering ranges of a passerine in sub-Saharan Africa. – Global Change Biology 27: 5460-5468. DOI: 10.1111/gcb.15794

Kontakt:
Dr. Till Töpfer
Sektionsleiter Ornithologie
Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels
Museum Koenig Bonn
Adenauerallee 127
53113 Bonn

+49 228-9122-246
t.toepfer@leibniz-lib.de

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