Gesichter des LIB: Ulrich Kotthoff

UHH/Ohme

Ulrich Kotthoff im Geologisch-Paläontologischen Museum in Hamburg. © UHH/Ohme

Beruflich blickt er weit in die Vergangenheit und mit uns zusammen in die Zukunft: Als Geologe und Paläontologe am LIB liegt der Forschungsfokus von Ulrich Kotthoff auf den vergangenen etwa 50 Millionen Jahren. Mit Blick auf Pollen, Insekten und Spinnentiere rekonstruiert er frühere Veränderungen der Ökosysteme, des Klimas und der Biodiversität. Im Interview verrät der Leiter des Geologisch-Paläontologischen Museums, warum er sich besonders auf das neue Naturkundemuseum in Hamburg freut und ihm der Wissenstransfer so stark am Herzen liegt.

Was hat Sie zur Geologie und Paläontologie geführt? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Mein Weg hat mich vor allem zunächst zur Paläontologie geführt. Ich hatte verschiedene Ideen, aber schon als Kind war ich von der weit entfernten Vergangenheit fasziniert: Man lernt viel über die eigenen biologischen Wurzeln, aber auch wie die ganze Welt entstanden ist. Ein richtiges Schlüsselerlebnis gab es nicht, aber ich weiß noch, dass ein Besuch im Münchener Naturkundemuseum starken Eindruck auf mich gemacht hat. Ich habe schon seit frühester Kindheit ein ausgeprägtes Interesse an der Naturwissenschaft – natürlich insbesondere für Dinosaurier – gehabt.

Also haben Sie Ihren Traumberuf gefunden?

Im Grunde schon: Eine Stelle als Paläontologe, in der ich auch auf dem Bereich des Wissenstransfers viel umsetzen kann, ist schon mein berufliches Ziel gewesen. Ich habe die Möglichkeit zu forschen, zu lehren und kann durch die Museen und Projekte im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit direkt unser Fachwissen an die Besucherinnen und Besucher weitergeben. So gesehen habe ich meinen beruflichen Traum erfüllt.

Welcher Aspekt Ihres Berufsalltags ist Ihr Highlight?

Mir liegt der Wissenstransfer in diversen Formen sehr am Herzen. In Vorträgen, Vorlesungen oder durch die Konzeption von Vitrinen oder Videos denken wir uns immer neue Formen aus, wie wir die komplexen Zusammenhänge der Erde und ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit bringen können. Bei der vergangenen Ausstellung „Eozän – Am Beginn unserer Welt“ im Zoologischen Museum Hamburg ist uns das besonders gut gelungen, finde ich. Zusammen mit den Teams aus der Ausstellungskonzeption sowie der Bildung und Vermittlung konnten wir ein ganz vielfältiges Programm zusammenstellen.

Woher kommt diese Nähe zur Wissensvermittlung?

Tatsächlich wäre ich auch gerne Journalist geworden. Ich habe früher hobbymäßig Radiosendungen gemacht und produziere privat gerne Filme oder Hörspiele. Ich arbeite gerne mit Medien und vor allem mit Menschen. Ohne auf einen speziellen Bereich hier spezialisiert zu sein, verbinde ich gerne meinen Forschungsbereich mit leicht zugänglichen Inhalten.

Was bedeutet Natur für Sie persönlich?

Manchmal reicht schon ein Schritt vor die Tür, um eine spannende Entdeckung zu machen: Ich entdecke eine Biene auf einem Strauch in einem Park und kann ihr minutenlang zuschauen. Zudem finde ich Steinbrüche großartig, da habe ich oft Fossilien und heutige seltene Tier- und Pflanzenarten an einem Ort. Gleichzeitig illustrieren aufgelassene Steinbrüche, dass der Mensch sich durchaus auch positiv auf die Diversität in einem Gebiet auswirken kann.

Krebse, Fische, Schmetterlinge: Wer hat ihre ganz persönliche Zuneigung und wieso?

Insekten, insbesondere Hautflügler, finde ich als Forschungsfeld sehr faszinierend. An Termiten mag ich die Art, wie ihre Staaten sozial aufgebaut sind: Anstatt sich gegenseitig in regelmäßigen Abständen zu töten, hat jedes Staatenmitglied die Chance in der Hierarchie aufzusteigen und sogar König oder Königin zu werden. Persönlich sympathisch finde ich aber eher die Familie der Marderartigen – also Marder, Otter oder Vielfraße.

Wie erklären Sie Kindern den Begriff Biodiversität?

Das Wort „Artenvielfalt“ passt eigentlich ganz gut – ich glaube, der Begriff wird auch recht schnell verstanden. Aber wichtig ist ja vor allem, darzulegen, warum eine sinkende Biodiversität für uns und das Leben insgesamt nachteilig ist. Ein wichtiges Stichwort ist die Stabilität von Ökosystemen – man kann auch Kindern schnell klar machen, dass es nicht nur auf die Artenanzahl, sondern auf die Anzahl der Individuen ankommt, und dass durch das Verschwinden einer Art auch weitere darauf folgen können. Ich finde es außerdem wichtig die morphologische Formenvielfalt einzubauen: Wenn es von einer Gattung hundert Arten gibt, dann ist ein Diversitätsverlust auf Artniveau vielleicht nicht so schlimm, wenn die hundert Arten ähnliche Lebensweisen haben und zum Beispiel alle die gleiche Pflanze bestäuben. Wenn aber ein bestimmter Bestäuber-Körperbau verloren geht, könnten als Folge schnell weitere Arten aussterben.

Was sollen die Menschen in zehn Jahren mit dem LIB assoziieren?

Ich hoffe, dass wir eine allgemein anerkannte und bekannte institutionelle Autorität zur Biodiversitätsentwicklung sein werden und gedanklich mit zwei tollen Museen – eines in Bonn, eines in Hamburg – verknüpft sind.

Was ist für Sie die größte Herausforderung auf dem Gebiet des Umweltschutzes?

Dass es so viele Probleme gibt, die am besten gleichzeitig angegangen werden müssen – anthropogen verursachte Klimaänderungen, Trennung und Zerstörung von Ökosystemen, Einbringen von Giften und weiteren schädlichen Stoffen in die Umwelt, um nur drei Aspekte zu nennen. Am schwierigsten ist es wohl, bei den ganzen Herausforderungen den Überblick zu behalten und sich auf die „richtigen“ Maßnahmen zu konzentrieren und diese korrekt einzuordnen.

Was wären Sie geworden, wenn es mit der Geologie oder Paläontologie nicht funktioniert hätte?

Ich glaube, ich wäre auf anderen Wegen wieder zu denselben Themen zurückgekommen – zum Beispiel als Wissenschaftsjournalist oder Buchautor. Ich glaube, die große Kunst dabei ist, Themen runterbrechen zu können, ohne dabei den Blick für das große Ganze zu verlieren. Aber ich habe auch Spaß daran, fiktionale Geschichten zu entwickeln. Musik war und ist bei mir allerdings auch ein wichtiger Aspekt: Als Kontrabassist war ich zum Beispiel in Orchestern aktiv und habe Jazz in verschiedenen Bands gespielt. Auch in Hamburg konnte ich bei kleineren Projekten mitmachen. Ab und zu fließen Geschichten und Musik dann auch in die Öffentlichkeitsarbeit mit ein.

Was raten Sie jungen Geowissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern am Beginn ihrer Berufslaufbahn?

Man sollte in sich reinhören und schauen, ob man wirklich für die Inhalte brennt. Zudem sollte man einen Plan haben, wie man die Dinge dann auch umsetzen kann. Eine Portion Glück kann auch nicht schaden. Speziell auf unserem Gebiet rate ich jungen Kolleginnen und Kollegen: Arbeitet mit Geo- und/oder Bio- sowie Klimawissenschaftlern zusammen, seid offen für neue Methoden und spezialisiert Euch auf einen Bereich, aber ohne den Blick für Zusammenhänge und das große Ganze zu verlieren.

Welcher Teilbereich am LIB liegt Ihnen persönlich besonders am Herzen?

Natürlich die Zukunft des Geologisch-Paläontologischen Museum in Hamburg, für das ich verantwortlich bin. Ich freue mich besonders auf das kommende neue Naturkundemuseum in Hamburg, da wir hier die Chance haben werden, nicht nur die Evolution der letzten hundert Jahre nachzuvollziehen, sondern – dank der Geologie und Paläontologie – auch die Langzeiteffekte. Sowohl mit Blick auf die Forschung als auch auf die Dauerausstellungen der Museen des LIB bin ich optimistisch, dass wir hier Fachbereich-übergreifend noch stärker zusammenarbeiten werden.

Welches Thema wäre dabei besonders spannend für die Museumsbesucherinnen und -besucher?

Klimaänderungen und Veränderungen in der abiotischen Erde sind eng mit der Evolution verknüpft. Das ist ein Aspekt, der deutlich in den Ausstellungen hervorgehoben werden sollte. Was ich auch wichtig finde: Man kann die Vergangenheit nicht nur aus dem rekonstruieren, was heute da ist, sondern muss sich klar machen, dass ganze Gruppen von Pflanzen und Tieren heute nicht mehr da sind, obwohl sie zu einer Zeit in der Vergangenheit für die Funktion von Ökosystemen eine große Rolle gespielt haben.

Ich wäre außerdem sehr dafür, das Thema Anthropologie im neuen Museum einzubinden. Wir Menschen gehen alle auf einen Ursprung zurück. Dies sollten wir bewusst machen, um der Ungleichbehandlung von Menschen und insbesondere Rassismus entgegenzuwirken.

Welche Auswirkungen hat Ihre Forschung auf die Gesellschaft?

Ich sehe immer wieder, dass gerade die paläoklimatologischen Forschungsprojekte, an denen ich beteiligt war und bin, auf großes Interesse stoßen. Wir versuchen darin unter anderem Antworten auf die Fragen zu finden, inwieweit das Klima die Entwicklung des Menschen beeinflusst hat oder welche Erkenntnisse wir aus den vergangenen Klimaschwankungen für die Zukunft gewinnen können?

 

Dr. Ulrich Kotthoff leitet die paläontologischen Sammlungen sowie das Geologisch-Paläontologische Museum am LIB Standort in Hamburg. Bis 2003 studierte er Geologie und Paläontologie in Tübingen, bevor er in Frankfurt im Bereich Geowissenschaften über Ökosystem- und Klimaänderungen im Mittelmeerraum promovierte. Von 2008 bis zur Gründung des LIB 2021 arbeitete er an der Universität Hamburg und ist dort als Lehrbeauftragter auch weiterhin noch im Rahmen der Lehre tätig.

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